374 Blaschko,
werden könne. Insbesondere sind die in den symptomfreien Intervallenverabreichten Ouren keineswegs im Stande, den Ausbruch von Recidivenzu verhüten oder auch nur zu beschränken. Für die Prostituirten-bchandlung dürfte somit die Behandlung der Recidive selbst als aus-reichendes therapeutisches Verfahren zu betrachten sein.
Noch schwieriger liegen die Dinge bei der Gonorrhoe. Einmalbesitzen wir kein sicheres Merkmal der erfolgten Heilung; die klinischenSymptome sind völlig trügerisch; das oft vorübergehende Nachlassenoder selbst Schwinden des Urethral- oder Cervicalsekrets ist absolutkein Zeichen für eine Beseitigung, ja nicht einmal für eine Besserungder Krankheit. Und das immerhin objeetive Kriterium der Contagiosität,der Gonococcenbefund, ist zuverlässig nur, soweit er positiv ist, währendein negativer Befund nie ganz eindeutig ist.
Nun kommt aber hinzu, dass nach der Auffassung zahlreicher Gynä-kologen die Gonorrhoe des weiblichen Geschlechts eine so schwere undhartnäckige, durch therapeutische Maassnahmen so wenig zu beein-ilussende Krankheit ist, dass man sie in der Praxis fast als unheilbarbetrachten könne. Soviel ist jedenfalls richtig, dass, wenn man es mitdem anzustrebenden Erfolge — d. h. der Beseitigung der Contagiosität— ernst nimmt, bei einem grossen Theil der Prostituirten dieser Erfolgentweder nie oder erst nach vielmonatlichem Krankenhausaufenthalterzielt wird. Und die Uebrigen muss man bestenfalls entlassen in dersehr unsicheren Ueberzeugung, dass der erreichte Zustand ein dauernder,die Heilung eine definitive sein möchte. Ob nun bei diesen Mädchen,wenn sie 14 Tage später wieder mit einer Gonorrhoe zur Behandlungkommen, ein Recidiv oder eine Neuinfection vorliegt, wird oft nicht zuentscheiden sein.
Angesichts dieser geringen Erfolge ist die Frage nicht imberechtigt,ob denn überhaupt die Gonorrhoe Gegenstand sanitätspolizeilicher Controleund Behandlung sein und bleiben solle. Denn es ist kein Wunder, dassbei so geringen Heilerfolgen der weitaus grösste Theil aller Pro-stituirten dauernd an Gonorrhoe leidet (womit natürlich nicht gesagtist, dass dieselben immer virulente Gonococcen in ihrem Genitalsekrethaben müssen). Und die ernste Inangriffnahme dieses ungeheuren Kranken-materials würde einen so ungeheuren Kostenaufwand erfordern, dass diewenigsten Gemeinwesen denselben tragen würden — zumal wenn manihnen nur so minimale Aussichten auf Erfolg machen könnte.
Die Entscheidung dieser ganzen Frage hängt ab vor allem von demUrtheil der Gynäkologen über die Heilbarkeit der Gonorrhoe, ferner vonden Resultaten einer — leider noch fehlenden — exaeten Kranken-statistik, welche feststellt, wie viele Prostituirte immer durchschnittlichgonorrhoefrei sind, wie viele dauernd oder doch lange Zeit als contagiösgelten müssen, und welchen Aufwand an Zeit und Geld die Heilungeiner Gonorrhoe bis zur Beseitigung ihrer Contagiosität kostet.
Soviel ist aber heute schon klar — die Krankenhausbehandlungallein ist: nicht im Stande, die Gonorrhoe der Prostituirten unschädlich