Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Syphilitische und Lepröse. 373
z. B. Reiben beim Coitus, die schützende Oberhautbedeckung leicht ent-fernt wird. Fraglich ist ferner, ob das Sperma und das — z. B. auseiner Risswunde heraustretende — Blut nicht ebenfalls infectiös sindoder doch zeitweis infectiös werden können.
Soviel ist jedenfalls klar, dass einmal weder eine einmalige Cur dieSyphilis heilt und dass ein andermal selbst bei wiederholten Ouren inden Zwischenzeiten oft Krankheitserscheinungen auftreten, die, bis sieentdeckt werden, die Krankheit weiter verbreitet haben können. Manhat die Periode, innerhalb deren die Syphilis contagiöse Symptome auf-weisen kann, die contagiöse oder nach ihren gefährlichsten Mani-festationen die condylomatöse Periode genannt und hat verlangt(Sperck, J. Neumann u. a.), dass Prostituirte innerhalb dieser ganzenPeriode, also während mindestens dreier Jahre im Krankenhaus internirtwerden müssten. Von anderer Seite ist in der Erkenntniss, dass einederartige protrahirte Krankenhausbehandlung eine Ungeheuerlichkeitdarstellt, vorgeschlagen worden, nach Ablauf der manifesten Krankheits-erscheinungen die Prostituirten in Besserungsanstalten, Asylen, Arbeits-colonieen oder dergl. unterzubringen — so lange, bis die Gontagiositätihrer Lues erloschen sei. Es liegt auf der Hand, dass auch das einlachundurchführbar ist. Von den gesetzlichen Schwierigkeiten abgesehen,würden die Kosten unerschwingliche sein, und der Erfolg einer so jahre-lang fortgesetzten Internirung der Kerntruppen der Prostitution wäre nurgesteigerte Nachfrage nach Prostitution, dementsprechendes Angebot undInfection des — nicht immunen — Nachwuchses. Denn man vergessenicht, so gefährlich diese syphilitischen Prostituirten sind, ihre Ge-fährlichkeit ist selbst in den ersten Jahren in den symptom-freien Intervallen geringer als die der noch nicht inficirten,da letztere sich von einem syphilitischen Manne inficiren können, ersterebekanntlich nicht.
Man wird sich demnach mit der Behandlung der offensichtlichenKrankheitssymptome begnügen und in den Symptom freien Intervallendie syphilitischen Prostituirten laufen lassen müssen. Freilich müsstediese Gruppo wesentlich häufiger als die anderen Prostituirten — min-destens zweimal wöchentlich — untersucht werden.
Von Neisser und seiner Schule ist ferner vorgeschlagen worden,diese syphilitischen Prostituirten der sogenannten chronisch-intermittirendenFournier-Neisser'schen Behandlungsmethode zu unterwerfen, d. h. die-selben in den ersten 3 Jahren in regelmässigen Zwischenräumen, gleich-viel, ob Krankheitssymptome vorhanden sind oder nicht, einer mercuriellenBehandlung zu unterziehen. Ich glaube, man wird die Entscheidungdieser rein medicinischen Frage dem jeweilig behandelnden Arzt über-lassen müssen; ich halte es nicht für statthaft, auch mit Bezug auf dieArt der Behandlung dem Arzte eine so weitgehende Directive zu er-theilen. Ich persönlich habe nicht den Eindruck, als ob das Fournier-Neisser'sche Verfahren auf den Verlauf der Syphilis von so wesent-licher Bedeutung sei, dass es als das allein Zweckmässige betrachtet