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1 (1899)
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271
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Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Lungenkranke. 27 1

mikroskopische Untersuchung in den meisten Fällen entbehrt." (Gold-schmidt).

Es ist das ein sehr wunder Punkt in der ganzen Frage. Wenn aufeiner Versammlung eines grossen hygienischen Vereins ein Nichtarzt(Gebhard) unwidersprochen schildern darf, wie so oft Tuberculöse zumArzt gehen, um sich ein Lösungsmittel für ihren Husten zu holen undder Jünger Aesculaps dieses abgiebt, wie der Krämer seinen Käse, ohneder Ursache des Hustens nachgeforscht zu haben, so ist das sehr bös.Die zum Theil jämmerliche Bezahlung der Krankenkasse erklärt daswohl, entschuldigt es aber nicht, denn wer einmal die Behandlung über-nommen hat, soll sie ohne Rücksicht auf die Bezahlung durchführen.„Vor Allem müssen sich die Kassenärzte daran erinnern, dass sie alsTräger eines humanen Berufes verpflichtet sind, auch den Kassen-mitgliedern gegenüber gewissenhaft und selbstverleugnend zu sein, dasssie mehr als Andere berufen sind, eine heimtückische und das Gemein-wohl so tief schädigende Krankheit frühzeitig zu erkennen und in ihrerEntwickelung aufhalten zu können", heisst es in dieser nur zu be-rechtigten Laienpredigt weiter. Es ist gewiss kein gutes Zeugniss fürdie gesammte Aerzteschaft, wenn sich die Versicherungsanstalten ihreeigenen „Vertrauensärzte" anstellen, auf deren Untersuchung sie sich ver-lassen zu können glauben, und leider müssen Heilstättenleiter, welchemit den Gutachten der praktischen Aerzte zu rechnen haben, in vielenFällen über die mangelhafte Kritik und, wie aus dem Gutachten hervor-geht, mangelhafte Untersuchung klagen, was von Nahm, Reuter, Pie-licke öffentlich erklärt worden ist. Bei manchen Aerzten besteht, wieNahm in seiner treffenden Weise sagte, die ganze Lunge aus „Spitzen".Hier ist der Hebel mit anzusetzen. In der Klinik muss der Studentweniger mit Paradestücken, mit amyotrophischer Lateralsklerose, acutergelber Leberatrophie und sonstigen höchst seltenen und interessantenFällen, sondern mit den Leiden des gewöhnlichen Durchschnittsmenschen,vor allem mit der Tuberculöse, bekannt gemacht werden. Ja, dieseSeuche ist, weil so ungeheuer verbreitet, so wichtig, dass ihr mit allihren Zweigen, pathologische Anatomie, Diagnose, hygienische Behand-lung u. s. w'., eigene Vorlesungen gewidmet werden müssen. Dannwerden obige Klagen wegfallen, dann wird jeder Arzt ein „Arzt desVertrauens" sein können.

Ein unseliges Erbe der alten Unheilbarkeitslehre ist das Versteckt-spielen. Was giebt's da alles für Bescheid vom „einfachen Spitzen-catarrh", der vergeht, wenn man „sich hält", bis zur Erklärung, dassdie Lunge schon „leicht angegangen" sei. „Der Patient selbst ist derwichtigste Mitarbeiter des Arztes", sagt Penzoldt. Wie kann er aberdiese nöthige Mitarbeit fordern, wenn man den Kranken nicht über seinLeiden aufklärt? Aufklärt über die Gefahr, aber auch über die Mittel,sie zu beseitigen. „Ein Arzt, der so handelt, d. h. die Diagnose ver-heimlicht, erschüttert das Vertrauen, das seine Patienten zu ihm haben