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1 (1899)
Entstehung
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270
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270 G. Liebe,

(auch Schleim zum Auswurf gerechnet) und nur 18 pCt. hatten Bacillen.Das klingt doch wesentlich anders. Dabei war die klinische Diagnoseso sicher, dass ein Vertrauensarzt des öfteren notirte: „bei der Sicherheitder Diagnose wurde der Auswurf nicht untersucht."

Diese Ansicht ist übrigens gar nicht neu. Meissen sagt (Thera-peut. Monatshefte 1897. Nov. „Nachwort"): „DerNachweis des Bacillusim Sputum ist ein vortreffliches Mittel zur sicheren Diagnose der Tuber-cnlose, ein sehr schlechtes zu ihrer Frühdiagnose. Wenn wir eine Tuber-culose erst dann erkennen, wenn wir den Tuberkelpilz im Auswurffanden, bleiben wir schlechte Kliniker." Wolff erklärt sich sehrenergisch gegen jene Aerzte, „die je nach dem Befund des Sputums sichmit der Diagnose ,Tuberculose' oder ,keine Tubereulose' begnügen."Ascher sagt dasselbe, und andere beobachteten dies so oft, dass sie,wie Nahm im Ruppertshainer Bericht (1895—96) sagen: „Man wirdimmer wieder der Meinung zugedrängt, dass es auch eine nicht bacillärePhthise giebt, wenn man so viele Fälle zu Gesicht bekommt, die alleZeichen der Phthise darbieten, doch nie Bacillen im Auswurf findenlassen." „Die Zahl der Beobachter ist mittlerweile recht gross, welcheim Sputum notorisch Schwindsüchtiger auch bei der sorgfältigsten Unter-suchung niemals den Bacillus finden konnten." (Unterberger). Korä-nyi giebt dafür die einfache mechanische Erklärung, dass die Bacillendann fehlen, wenn keine Zerfallproducte nach aussen befördert werden,was ja nicht bei jeder Lage des Herdes möglich ist.

Jedenfalls werden wir mit dieser Thatsache mehr rechnen undmehr Werth als oft bisher auf die klinische Diagnose legenmüssen, welche unter der glänzenden Erscheinung der Bacillenmikro-skopie verdunkelt wurde. „In mancher Hinsicht hat die Entdeckungdes Tuberkelbacillus nicht segensreich gewirkt." Man unterwerfe nurjeden Kranken einer genauen Gesammtuntersuchung. (Es ist ein sehrvernünftiger Rath, den Schnyder in seinem Rathgeber giebt: „DerHülfesuchende misstraue jeder Untersuchung, die nicht bei ganz ent-biösstem Oberkörper vorgenommen wird." Kommt bei Frauen nament-lich noch oft vor!) Es sollte kein Organ dabei vergessen werden (mandenke an die Ohrleiden, Pupillenverengerung, Zahnfleischsaum, von Kehl-kopfspiegelung als selbstverständlich gar nicht zu reden), dann wird manein einheitliches klinisches Bild bekommen. Aber damit nicht genug:man muss eine ganz ausführliche Anamnese erheben, die Heredität aufEltern, Grosseltern, Onkels und Tanten, Geschwister prüfen, nach Ehe-gatten und Kindern fragen, den Lebensgang des Kranken, die Aufenthalts-orte, Werkstätten, Lebensweise (ich erinnere an jahrelange unsolideWanderschaft, an sclmapsreiche Seereisen u. dergl.), Ernährung er-forschen, ferner durchgemachte Krankheiten, seelische Affecte, die Lohn-frage, die Miethhöhe u. s. w. berühren. Es wird wenig Fälle geben, indenen diese Angaben nicht genügten. „Ich möchte behaupten, dass dieklinische Diagnose der Schwindsucht so fest fundirt ist, das man die