Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
248
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248 G. Liebe,

Fast mehr als auf der Befolgung positiver Verordnungen liegt das Heildes Phthisikers in der Vermeidung von Fehlern, die er meist nicht alssolche anerkennt. Nirgends tödtet die Schablone mehr Menschen alshier" (Dettweiler).Wir müssen den Kranken die Möglichkeit nehmen,Thorheiten zu begehen" (Brehmer). Ganz abgesehen darum von un-genügenden Quartieren, meist für Sommerfrischler und warmes Wetterberechnet, von mangelhaften Badeeinrichtungen, jämmerlichen hygienischenZuständen selbst in manchen Curorten, ungenügender Beköstigung, istsorgfältigste Beaufsichtigung der Kranken erforderlich. Wer Lungen-kranke in solch einer freien Pflege behandelt hat, wird zugeben, dassalle Verordnungen, alle Ermahnungen im Guten und Bösen illusorischsind, denn mit einem, dem wochenlangen Müssiggange entsprechendenRaffinement ersinnen die Kranken einige führen, die andern thun mit immer neue Mittel und Wege, dem Arzte ein Schnippchen zu schla-gen. Und das thun alle, ob arm, ob reich, gleich gern. Es gehört zumGesammtbilde der Krankheit, und dem ist Rechnung zu tragen. Es istdaher auch nicht zu verwundern, wenn einzelne Corporationen mit Aus-sendung ihrer Kranken an solche Ortemiserable Erfolge" hatten (In-validitäts-Versicherungsanstalt für die Rheinprovinz. Mittheilung vonMeyhöfer-Düsseldorf). Ehrenberg schildert nach den Barmer Er-fahrungen die Unannehmlichkeiten dieser Versorgungsart, die im Ver-hältniss zu den Kosten unhygienischen Verhältnisse, die Ausbeutungdurch manche Vermiether u. s. w. In seiner treffenden Sprache ver-gleicht Sonderegger die Davoser Ourgäste mit den Studenten, von denenDank ihrer akademischen Freiheit die einen es zu etwas bringen, dieandern nur mit Lücken einen knappen Erfolg erreichen, die meistenendlich kneipen und schwärmen, als wüssten sie nicht, zu was sie dasind.Es sind gute Menschen darunter, um die es schade ist. Manhätte mit militärischer Disciplin mehr erreicht".

Lungenkranke sind daher am besten in geschlossenen Kranken-häusern aufgehoben. Aber unsere allgemeinen Krankenhäuser sind eben-falls nicht die geeigneten Unterkunftsorte. Meist liegen sie nahe bei denStädten, entbehren also der reinen Luft, sie haben keinen genügendenBark oder anstossenden Wald, sie können vielleicht auch nicht immerdem Kranken die ihm nöthige Kost bieten. Ferner sind sie ihrer ganzenOrganisation nach nicht auf solche, sich oft nicht einmal krank fühlendeInsassen eingerichtet, die wegen ihrer Neigung zu thörichten Streichenimmer Aufsicht bedürfen, auf der andern Seite aber auch wieder mehrFreiheiten haben müssen, als andere Insassen. Wer kann sich imKrankenhause, wo zahlreiche acute Fälle das Interesse nicht nur, sonderndie angestrengte Sorgfalt und Mühewaltung der Aerzte und des Per-sonals erheischen, mit diesen halbkranken Leuten beschäftigen, auf ihrenIdeenkreis, ihren Beruf, ihre Lebensweise eingehen?Man vergisst imHospital zu leicht, dass an dem Leben dieser Kranken, welche nicht zuden sogenannten interessanten Fällen gehören, gar oft der Unterhalt und