Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Lungenkranke. 247
trotzdem hoch in Ehren! — Goldschmidt Recht, wenn er klagt: „DieBehandlung der Schwindsüchtigen ist eine traurige Komödie, die sowohldem humanen Zeitalter, in welchem wir leben, als auch dem Standpunkteunseres Wissens und Könnens Hohn spricht". Gerhardt's Ausspruchüber den Bankerott der arzneilichen Behandlung ist genugsam citirt, umbekannt zu sein, und was die Serumtherapie anlangt, so müssen wir esals erlösendes Wort begrüssen, was v. Leyden in Moskau aussprach:„Wir wünschen und hoffen, dass unsere hervorragenden Bakteriologenihr Problem lösen werden, aber der Zeitpunkt lässt sich nicht bestimmen,Jahre können noch vergehen. Sollen wir deshalb unsere Mitbrüder, dieheute Hilfe verlangen, auf die Zukunft vertrösten? Heute sind sie krankund hilfsbedürftig, heute wollen sie geheilt sein, aber morgen oder nachJahren ist es zu spät für sie. Wir können nicht zu viel mit künftigenMöglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten rechnen. Die Medicin, undnamentlich die Therapie, hat für die Gegenwart zu sorgen. Wir könnenunsere Kranken nicht auf eine ferne und unsichere Zukunft vertrösten;wir müssen sie nach derjenigen Methode behandeln, welche die Gegen-wart als die beste erkennt, und welche durch die grösste Zahl derHeilungen bewährt ist. Als solche betrachten wir die hygienisch-diätetische Therapie der Tuberculose als die in besonderen Heil-stätten". Es werden ja von einzelnen auch der ambulanten oder derCurort-Behandlung Goncessionen gemacht. So sagte Korach in derwissenschaftlichen Vereinigung Posener Aerzte (Deutsche med. Wochen-schrift. Vereinsbeilage. 1897. No. "21), dass man Lungenkranke imHause behandeln könne, ausser 1. Unbemittelten, welche daheim keineFreiluftcur durchführen können und 2. solchen, welche im Hause nichtgenügend diseiplinirt werden können. Eingeweihten ist es zweifellos,dass unter diese beiden Gruppen, namentlich die zweite, wohl die meistenLungenkranken fallen. Selbst Sommerfeldt, der mit am eifrigsten fürambulante Behandlung eintritt, muss die damit verbundenen grossenSchwierigkeiten anerkennen. Die Behandlung in offenen Curorten istaber naturgemäss so, dass man sie lieber nicht solchen, „weiche denZwang eines Sanatoriums scheuen", empfehlen soll (v. Leyden), jadenen gerade-erst recht nicht. Denn wir wollen ja eben einen Zwangauf die meist leichtfertigen Lungenkranken ausüben. Während der aufsLand oder in einen Curort gehende Kranke — wenn er es nicht vor-zieht, den „theueren" Arzt zu sparen und nach einem „Rathgeber" undden Anweisungen seiner. Vettern und Basen zu leben, die schon somanchem geholfen, sich von Zeit zu Zeit Rath von seinem Arzte holt,um dann flott so zu leben, wie es ihm gefällt, Berge besteigt, Ausflügeunternimmt, nicht wie es sein augenblicklicher Zustand erfordert, sondernwie es die Mehrheit der Table d'hote-Ges'ellschaft gerade beschloss, oderwenn er gutem Rathe zugänglich ist, nur seiner Gesundheit lebt und vomMorgen bis zum Abend Schnellläufer spielt, liegt gerade das Haupt-gewicht der Anstaltsbehandlung in dem non nocere, im Abhalten vonSchädlichkeiten, die als solche nur dem kundigen Arzte bekannt sind.
Handbuch der Krankenversorguug u. Krankenpflege. I. Bd. ^7