&
164 Dietrich,
entgegen, mit dem die deutschen Fürsten, an ihrer Spitze die Hohen-zollern auf dem Kaiserthron, die Werke der Nächstenliebe gefördert undin der socialen Gesetzgebung verwirklicht haben, zugleich auch das an-feuernde Beispiel, mit dem sie die Wohlthätigkeit selbst geübt haben.Wir sehen, wie in den meisten Bundesstaaten, am schönsten in Preussen,Baden und Sachsen-Weimar der Fürst mit den höchsten Staatsdienernwetteifert, Theil zu nehmen an den Organisationen der freien Liebes-thätigkeit, nicht allein auf dem Gebiete der Kriegskrankenpflege, sondernauch auf dem der gesammten Fürsorge für Arme, Kranke und Bedürf-tige jeder Art. Wir erkennen, wie die Staatsbehörden sich immer innigermit den freiwilligen Behörden der Wohlthätigkeit verbinden.
Wir kommen zu der Ueberzeugung, dass die deutschen Fürsteneinen grossen Antheil an der hohen Entwicklung der Charitas oder,modern gesagt, Humanität des XIX. Jahrhunderts haben, dass sie eswaren, die die kräftigste Anregung zur werkthätigen Nächstenliebe undsomit auch zur Entwicklung der Krankenpflege gaben.
Bei dem allgemeinen Eifer um die Kranken musste es sehr baldklar werden, dass die Krankenpflege an sich nur sehr wenig ausgebildetwar. Zunächst musste sich der Mangel an guten Krankenanstalten fühl-bar machen, dann musste die ungenügende Vorbereitung und Befähigungdes Pflegepersonals offenbar werden und schliesslich konnte es nichtmehr verborgen bleiben, dass es an gutem Unterricht in der Kranken-pflege und an genügender Würdigung und Berücksichtigung der Kranken-pflege als Wissenschaft vollkommen fehlte.
Auf welche Weise diese Mängel zu Tage traten und durch welcheAnstalten, Einrichtungen und Bestrebungen eine hinreichende Abhülfeangebahnt und erreicht wurde und noch versucht wird, werden die nach-folgenden Kapitel dieses Handbuches in erschöpfender Weise darthun.Es genügt hier nur kurz darauf hinzuweisen, dass mit den katholischenund evangelischen Krankenpflegegenossenschaften überall brauchbare,zum Theil vortrefflich eingerichtete Anstalten der Krankenfürsorge ent-standen. Später veranlassten die Vereine vom Rothen Kreuz die Gründungvon Krankenpllegeinstitutcn, die auch den strengsten Anforderungen derärztlichen Wissenschaft Genüge leisten.
Die Medicin war inzwischen zu einer aussergewöhnlieh hohen Ent-wicklung aller Einzelfächer durch die Fortschritte auf dem Gebiete derwissenschaftlichen Forschung gelangt, im Besonderen war die Gcsund-bcitslehre einer ausgezeichneten Behandlung und Förderung theilhaftiggeworden, die Grundsätze der Hygiene waren mit grossem Fleisse undErfolg erforscht und verbessert worden.
Diesem hohen Stand der Medicin entsprachen die Institute, die derStaat zu Lehrzwecken einrichten musste, in erster Linie die Staats-kliniken, verbunden mit den ausgezeichnetsten Veranstaltungen für dieKrankenpflege jeder Art.
Die gesetzliche Uebcrweisung der Fürsorge für die Armen und die1 an Körper und Geist Gebrechlichen an die grossen Kommunal verbände