Geschichtliche Entwicklung der Krankenpflege. 91
ihrer Stellung entsprechende Verpflegung, ferner freie Dienstkleidung und aus derVereinskasse ein jährliches Gehalt, und zwar in den ersten zwei .lahren ."$60 Mark,von da ab alle zwei Jahre um je 60 Mark steigend, bis zum Höchstbetrage von1100 Mark. Geschenke oder irgend welche Vergütung dürfen die Schwestern nichtannehmen, vielmehr erhebt der Verein das Pflegehonorar zu Gunsten seiner Kasse.Im Falle der Dienstunfähigkeit gewährt der Verein den Schwestern eine Standes?gemässe Existenz.
Am Schlüsse des Jahres 1897 waren 15 Vereinsschwestern vorhanden, die nach§ 12 der Bestimmungen für die Schwestern der Verein im Kriegsfall thunlichst demSanitätsdienst zur Verfügung stellt (für das Jahr 1898 im Ganzen 12).
ß) Der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen in Berlin.
Die jüdische Gemeinde in Berlin hat sich seit Jahrhunderten der Kranken-fürsorge ihrer Mitglieder besonders.lebendig gewidmet. Schon ums Jahr 1573 soll siein der Gegend zwischen Gollnow- und Landwehrstrasse ein Armen-Krankenhaus be-sessen haben. Auch später nach der Wiederzulassung der Juden in Berlin durch denGrossen Kurfürsten wurde die Kranken- und Armenpflege in der dortigen jüdischenGemeinde lebhaft gefördert durch die Gesellschaft Chebrath Bilua cholim, die auchwieder ein Armen- und Krankenhaus errichtete. Im Jahre 1735 fungirte als ArztBenjamin de Demos, ein Portugiese, der Vater der vielgenannten Henriette Herz,Gattin des Dr. Markus Herz, des Schülers Kants. Damals wurde auch den armenWöchnerinnen eine besondere Fürsorge zu- Theil, die in eigens für sie eingerichtetenGemächern verpflegt und behandelt wurden. Seit dem Jahre 1753 wurden die Krankenund Gebrechlichen in dem sogenannten ,.jüdischen Lazareth" in der Oranienburger-Strasse 7u.8 untergebracht und verpflegt. Am 100jährigen Stiftungstage der Brüder-schaft der Krankenpflege wurde jenes zu einer Krankenpflegeanstalt der jüdischen Ge-meinde mit einem ganz bedeutenden Fonds erweitert, der den Namen „Jubelfond desjüdischen Krankenpflegeinstituts zu Berlin" erhielt. Im Jahre 1821 wurden alleWohl-thätigkeitsveranstaltungen und Fonds durch ein Statut (24. Oct. 1822 von der Ver-tretung genehmigt) mit dem zur ,,Kränkenverpflegungsanstalt der jüdischen Gemeinde"umgewandelten Lazareth in der Oranienburger-Strasse vereinigt.
Schon im Jahre 1837 hatten die Aerzte des alten Krankenhauses die Nothwendig-lceit eines Neubaues betont, doch musste damals aus verschiedenen Gründen davon ab-gesehen werden, einen solchen zu verwirklichen. Jetzt fasste man in der jüdischen Ge-meinde den Beschluss, eine Anstalt zu gründen, die von der jüdischen Gemeinde erhalten,aber für Leidende und Kranke aller Konfessionen geöffnet sein sollte. Ohne Anwendungeines religiösen Zwanges sollte nur die praktische Konsequenz der religiösen Humanitätund Liebe bei den Kranken in Anwendung gebracht werden. Im Jahre 1857 wurdeein Grundstück in der Auguststr. Nr. 14 u. 15 erworben. Am 3. September 1861wurde dann das neue jüdische Krankenhaus eingeweiht, bestimmt zur Aufnahme vonetwa 100 Betten, später schlössen sich noch, ebenfalls nur durch freiwillige Beiträgewohlthätiger Mitglieder der jüdischen Gemeinde gegründet, an: das pneumatischeKabinet, der Pavillon zur Evacuation bestimmt, das Obductionshaus, die Gartenhalloals Rekonvaleszentenaufenthalt (überbaut), die Diphtheriebaracke, die Einrichtung derPoliklinik und das Siechenhaus, das am 17. April 1876 eröffnet wurde. Im Laufe derJahrzehnte hatte sich der Wunsch rege gemacht, weibliche Personen jüdischer Kon-fession zu Krankenpflegerinnen von Beruf auszubilden, man hatte versucht, solchenPersonen vorübergehende Aufnahme in die bereits bestehenden Ordensgenossen-schaften und Schwesternverbände zum Zweck der Ausbildung zu verschaffen. Diese