Geschichtliche Entwicklung der Krankenpflege. 61
neues Leben auf dem Gebiete der Genossenschafts-Krankenpflege. Zahl-reiche Anstalten entstanden, in denen Krankenpfleger und Kranken-pflegerinnen in langer Schulung zu Diakonen und Diakonissen im evan-gelischen Sinne ausgebildet wurden. Doch damit war das warme Inter-esse, das die Bevölkerung an der Krankenpflege genommen hatte, nochkeineswegs erschöpft. Es bildeten sich überall Krankenpflegevereine,die ohne Betonung einer bestimmten Konfession den Zweck verfolgten,interkonfessionelles Krankenpflegepersonal auszubilden. Die grossen Kriegedes XIX. Jahrhunderts liessen eine ganz neue und eigenartige Einrichtungder Humanität entstehen: das Rothe Kreuz und die Genfer Kon-vention. Hierdurch wurden überall Vereine ins Leben gerufen, nichtnur in den Ländern Europas, sondern auch in den aussereuropäischenLändern, und die Krankenpflege überhaupt, im Besondern die Kriegs-krankenpflege zu einer ungeahnten Entwickelung gebracht Auch wurden dieRitterorden neu belebt in einer Form und mit einer Ordcnsthätigkeit,die allein der Kranken- und Sicchenpflege zugute kommt.
Im Nachfolgenden sollen zunächst die konfessionellen Krankenpflege-Vereinigungen, soweit sie in diesem Jahrhundert neu begründet oder,wenn aus früherer Zeit stammend, noch nicht erwähnt sind, und imAnschluss hieran die ritterlichen Krankenpflegeorden der Neuzeit, fernerdie interkonfessionellen Krankenpflegevereinigungen und die Vereine vomRothen Kreuz besprochen werden, Ein statistischer Ueberblick über dasjetzt vorhandene Krankenpflegepersonal in Deutschland resp. Preussenwird den Abschnitt beschliessen.
a. Die konfessionellen Krankenpflegevereinigungen der Neuzeit.1. Die katholischen Orden und Kongregationen.
a) Die Kongregation der barmherzigen Schwestern vom Klemens-hospital in Münster in Westfalen (Klemensschwestern).
Am 1. November 1808 stiftete der Weihbischof und Domkapitular in Münster,Freiherr Gl. üroste zu Vischering, Bischof zu Calama, eine Genossenschaft barm-herziger Schwestern nach dem Vorbilde der Vinzentinerinnen. Die erste Vorsteherinwar eine gewesene Protestantin, Marie Alberti, Tochter eines Hamburger Predigers.Sie fühlte den Trieb in sich, sich ganz dem Dienste der Barmherzigkeit zu widmen.Da sie dazu in der evangelischen Kirche keine Gelegenheit hatte, trat sie zur katho-lischen Kirche über. Am 1. November 1808 bildete sie mit 4 Schwestern in einemkleinen gemietheten Hause eine Krankenpflegevereinigung. Im Jahre 1820 über-nahmen die Schwestern unter Leitung ihres Bischofs das Klemenshospital inMünster, das früher als Bürgerhospital von barmherzigen Brüdern versorgt wordenwar. Nach diesem Hospital werden die Schwestern „Klemensschwestern" genannt.Sie stehen unter einem vom Bischof ernannten Direktor und der Mutter des Haupt-hauses. Bischof Droste legte ihnen kein Gelübde auf, stellte jedoch in der ihnen ge-gebenen Regel folgende Anforderungen: gute Gesundheit, guter Ruf, guter Charakter,guter Unterricht in der Religion und Moral, gesunder Menschenverstand und natür-liche Anlage zur Krankenpflege, wohin gerechnet wird: nicht zu wenig Mitgefühl,nicht zu viel Empfindsamkeit, grosse Liebe zur Reinlichkeit und Ordnung, ein Alter