Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
56
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56 LH'eti'icli,

bereitete. Vincenz wollte jedoch etwas Anderes, jene Vereinsbildung war luv ihn nurdie Grundlage, auf der er eine Genossenschaft von barmherzigen Schwestern bildenwollle, die an kein einzelnes Hospital gebunden, sondern bereit und fähig waren, da,wo man ihrer bedurfte, in allen Zweigen der chvistlichen Liebesthätigkeit, vor allemaber in der Krankenpflege mit geschulten und geschickten Kräften einzutreten. DasMutterhaus sollte nur die Mutter sein, in der die barmherzige Schwester ausgebildetund zur Aussendung bereit gehalten wird. Ihre Arbeit aber sollte sie drausseu findenin den Spitälern, in den Privatwohnungen, in den Gefängnissen, bei Armen undKranken jeder Art, bei den verlassenen Kindern, den gefallenen Frauen und Jung-frauen, überhaupt auf allen Gebieten der inneren Mission, wie es heute hcisst. Dieausgebildeten Schwestern sollten wiederum den Confreries zu Hülfe gesandt werdenund mit ihnen und in ihrem Auftrage arbeiten. Wir worden später sehen, wie dieserGedanke in der Neuzeit wieder durch die vaterländischen Frauenvereine und die vonihnen zur Ausbildung fortgegebenen und dann angestellten Krankenpflegerinnen inDeutschland von Neuem verwirklicht worden ist.

Vincenz von Paul versorgte längere Zeit als Pfarrer die Landgemeinde Chätillon(les Dombes la Bvesse), die er durch den Grafen von Goudy während dessen sommer-lichen Land au fenh altes kennen gelernt hatte, und entwickelte in anspruchsloser Dem utheine bewunderungswürdige Thätigkeit für innere Mission. Hier fand er ein jungesLandmädchen, das, hochbegabt, von selbst lesen gelernt und dann angefangen hatte,arme Kinder zu unterrichten. Sie folgte ihm gern nach Paris, um dort den Armenund Kranken zu dienen. Hier starb sie bald darauf bei der Pllegc Pestkranker. Dieserersten barmherzigen Schwester folgten andere, doch erkannte Vincenz bald, dass mansie, ehe man sie selbstständig aussenden könnte, in einem ordentlichen Noviziat aus-bilden müsse. Es bildete sich aus Anlass einer seiner hinreissenden Predigten eineSchwesternschaft der Dienerinnen der armen Kranken (servanles des pauvres malades).Louise de Marillac, Gattin des Sekretairs Legras der Königin Maria von Medici inter-essirte sich für diese Schwesterschaft und veranlasste mehrere vornehme Damen, in die-selbe einzutreten. Man widmete sich nun in Privathäusern undllospitälern der Kranken-pflege. Als Legras im Jahre 1625 starb, trat seine Gattin selbst in die Schwestern-schaft ein und übernahm die Leitung. Am 29. November 1633 zogen vier jungeMädchen zu ihr, und am 25. März 1634 legte Madame Legras das Gelübde ab, derSchwesternschaft und dem Dienste der Barmherzigkeit ihr Leben zu widmen. Dieser Taggilt als Stiftungstag des Ordens, obwohl die Bildung der Kongregation mit der Regelerst später erfolgte. Im Jahre 1636 bezogen sie ein besonderes Gebäude, in dem Kinder,arme Mädchen und Frauen aufgenommen wurden, um Unterricht, leibliche und geistigePflege zu erhalten. Im Jahre 1645 übernahm die Schwesternschaft, die inzwischen auchein von Vincenz gegründetes Findelhaus (Hospital dos enfants trouves 1642) übernommenhatte, die Pflege der Geisteskranken und Pfründner von Paris. Im Jahre 1655 erhob sieder Erzbischof von Paris zur selbstständigen Genossenschaft der soeurs de charite (imVolksmunde soeurs grises). 1657 wurde sie vomKönige bestätigt und 1668 erfolgtedie päpstliche Anerkennung. Vincenz von Paul, der wegen seiner eifrigen Seelsorgeunter den Galeerensklaven im Jahre 1619 zum Aumönier royal des galeres de Franceernannt worden war, und später noch den Orden der Lazaristen (d. h. der Predigerfür innere Mission) gestiftet hatte, starb am 27. Septembev 1660. Damals hatten diesoeuvs de charite' schon 28 Anstalten. Aus der Verfassung des Ordens sei Fol-gendes mitgetheilt: Vincenz bestimmte, dass eine Vorsteherin alle 3 Jahre durchStimmenmehrheit von den Schwestern aus deren Mitte gewählt würde. Nach 3 Jahrenkann sie wieder gewählt werden, aber nur noch einmal. Jede Schwester ist ihr un-bedingten Gehorsam schuldig, jedoch ist die Vorsteherin unter die Leitung desSuperiors der Mission gestellt und verpflichtet, den Bath von 3 ihr als oflicieres zur