Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
46
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46 Dietrich,

Krankenpflegevereine in den Antoniusgilden, Parochialvereinen in denKalandsbrüderschaften vorfinden, dass die Häuser der Busse für gefalleneMädchen und Frauen die Magdalenenhäuser darstellen, so gewinnen wir einBild von der vielseitigen Licbesthätigkeit des Mittelalters. Die Kirche, derenherrschsüchtige Priesterschaft dem Humanitätsprinzip der ersten Christenzuweilen in der traurigsten Weise entgegen arbeitete, wurde im Verlautdes Mittelalters der grösste Feind der Krankenpflege. Trotz der hervor-ragenden Stellung, die einzelne hochherzige und einsichtsvolle Päpste,vor Allem Innocenz III., einnahmen, indem sie das Wesen der Kranken-pflege und die Notwendigkeit der Scheidung von Gottesdienst undKrankenabwartung richtig erkannten und zu den eifrigsten Förderern derKranken- und Armenfürsorge wurden, ist der Einfluss der Priester-herrschaft immer wieder ein lähmender. Sobald auch die grossen sozialenNöthe des Mittelalters, die verheerenden Volksseuchen, die andauerndenKriege und Fehden, die auf dem Mangel an Kultur und an volkswirth-schaftlicher Bildung des Landes beruhende Theuerung und Hungersnot]) die nach jeder Missernte eintreten musste die alte christlicheHumanität und ihre Anstalten neu erweckten und Ritter, Bürger, Geist-liche und Laien zu Werken reinster Nächstenliebe veranlassten, so oftgewannen auch die kirchlichen Gewalthaber im Laufe der Jahrzehnteeine hemmende Einwirkung, so dass am Ende des Mittelalters der Wohl-thätigkeitssinn überall im Schwinden begriffen war. Und wo er nochbestand, da suchte man ein Verdienst im Wohlthun, das aus dem Fege-feuer befreien und zur Seligkeit helfen sollte. Man pflegte den Krankennicht, weil man ihm, sondern weil man sich helfen wollte. Die Ge-meindepflege war fast ganz untergegangen und einer Pflichtanstaltspflegegewichen.

Wie weit die Krankenpflege als solche fortgeschritten war, lässtsich nicht überall beurtheilen, jedenfalls steht fest, dass in manchenKrankenhäusern der Krankenkomfort ein erstaunlicher war, das mansurischeHospital kann hier als Muster dienen. Nach seinem Vorbild wurden dieschönen Krankenhäuser des XIV. Jahrhunderts in Spanien erbaut. VielLicht und Luft, stets frisches, quellendes, springendes Wasser machtedem Kranken das Dasein zu einem für südliche Verhältnisse vortreff-lichen. Anderseits werden aus einzelnen Krankenhäusern haarsträubendeDinge berichtet, so aus dem Hotel Dieu in Paris, wo in einem Bett24, ja bis 6 Kranke zusammen lagen. Kranke liess man mit Ver-storbenen noch stundenlang zusammenliegen. Solche Zustände warenallerdings auch am Ende des XVIII. Jahrhunderts noch vorhanden.

Im Uebrigen bestimmte der unentwickelte Stand der medizinischenWissenschaft auch den der Krankenpflege.