Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
34
Einzelbild herunterladen
 

34 Dietrich

der Krankenpflege. Die meisten Beginen widmeten sich dieser, die sie in Spitälern,Krankenanstalten oder in der Gemeindepflege ausübten. Denn sie durften auch inden Privatwohnungen der Kranken pflegen und wurden dafür honorirt, nur die Stadt-armen mussten sie umsonst pflegen. Selbstverständlich wurde auch in den Beginen-höfen die Krankenpflege an den Beginen von Beginen selbst ausgeübt. Zu-weilen wurde ein vorhandenes Hospital die Veranlassung zur Stiftung eines Be-ginenhofes (z. B. Vilvorde, Cambray). Später fand das Umgekehrte statt, aus einemBeginenhof wurde ein Armenhaus oder ein Hospital (z. B. in Halberstadt). In Kölnwohnten Beginen über den Pfründnern im Spitale, bis die Beginen alle Pfründeneingenommen hatten und das Spital ein Beginenhof geworden war. Ueberall aber,wo Beginenhöfe erwähnt werden, war es Brauch, dass die Beginen in die Privathäusergingen und Kranke pflegten. So kann man in derBegine die mittelalterlicheGemeindepflegerin (Diakonisse) sehen.

In der Begine lebte die reformatorische Ansicht: man könne schon hier auf Erdenohne Fasten und Kasteien den höchsten Grad der Vollkommenheit erreichen und zumAnschauen Gottes kommen.

Noch mehr jedoch gingen die Brüderschaften der Begarden gegen die Werk-gerechtigkeit der Kirche an. Sie sollen 1228 ebenfalls in den Niederlanden gestiftetsein und anfänglich aus armen verheiratheten Webern bestanden haben, die bei derAusübung ihres Handwerkes gewisse fromme Gebräuche beobachteten. Später ahmtensie die Lebensweise der Beginen nach.

Wegen ihrer, der freieren Glaubensgemeinschaft hinneigenden Ansichten, diespäter im Protestantismus fest begründet wurden, sind Beginen wie Begarden von derKirche als Ketzer, wie schon Lambert le Begue, verfolgt und, wo ihnen nicht derSchutz der weltlichen Macht zur Seite stand, unterdrückt worden. Hierzu kam noch,dass bei Beiden Genusssucht (ein leckeres Mahl nannte man in Strassburg:Beginen-busse"), Unzucht und Kuppelei (ein Beginenhof in Frankfurt führte wegen der Lieder-lichkeit der Insassen den Namen:Mantelgotteshaus"), Klatschsucht und ähnlicheüble Eigenschaften hier und da hervortraten und der ganzen Einrichtung schadeten.Die Krankenpflege wurde bei solchen liederlichen, klatschsüchtigen Pflegern undPflegerinnen ein gefährliches Ding, vor dem Pfarrer Geiler von Kaisersberg mit gutemRecht warnt.

Die Begarden entarteten bei ihrem bisweilen unstäten und müssigen Leben nochweit eher. Da man mit dem Namen Begarden auch die Alexianer benannte, seiendiese schon hier kurz besprochen. Sie sind eine Brüderschaft, zum Zwecke der Kranken-pflege und Leichenbestattung begründet, nach ihrem Schutzpatron, dem heiligenAlexius benannt und in seinem Sinnewillige Arme", meist ungebildete Handwerker,die nach der Regel des heiligen Augustin lebten. Im Jahre 1350 werden sie schonin Deutschland, Brabant und Flandern erwähnt. Gregor XL (137084) und BonifazIX. (13901404) beschützten sie in kräftigster Weise, obwohl sie nur Laien undkeine Priester aufnahmen, sondern sich kirchlich an die Parochialkirche hielten.

Sixtus IV. bestätigte sie 1472 aufs Neue, gab ihnen eine straffere Organisa-tion, und erlaubte ihnen, sich einen Generalvisitator wählen zu dürfen und Kapellenmit Glockenthürmchen zu erbauen. Doch blieben sie stets der zuständigen Pfarrkircheunterstellt.

Ihre Kleidung bestand in einem grauen, um den Hals in zahlreiche Falten ge-legten Mantel mit Kapuze und schwarzem Skapulier. Sie waren Gemeindepfleger,aber auch Kriegskrankenpfleger; so sandte sie der Rath der Stadt Frankfurt nach derNiederlage der städtischen Truppen bei Hanau auf das Schlachtfeld, um die Todten zubestatten und die Verwundeten zu pflegen. VonCella, das Grab, wurden sie auchCellitengenannt, zumal ihnen die Pflicht oblag, die Todten der Gemeinde zu Grabe zu geleiten.