Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
Seite
19
Einzelbild herunterladen
 

Geschichtliche Entwicklung der Krankenpflege. 19

und bürgerlichen Orden: Ehrgeiz, Herrschsucht, Habsucht und Genuss-sucht diese Vereinigungen ihrem eigentlichen Zweck entfremdeten.

d) Die Krankenpflegegenossenschaften im Mittelalter.

Während in der frühesten christlichen Zeit die Gemeinde selbst eineGenossenschaft zur Linderung der Armennoth und des Elendes derKranken, Siechen und Gebrechlichen darstellte, mussten sich, je mehrdie Gemeinden sich vergrösserten, und alle Berufsklassen, schliesslich<ler Staat selbst, die christliche Religion annahmen, einzelne Gruppenvon Gemeindegliedern der ausschliesslichen Berufstätigkeit unterziehen,die Werke der Barmherzigkeit auszuüben. Wir sahen zuerst die Diakonenund deren Frauen, dann die Genossenschaft der Wittwen und im An-schluss hieran die Diakonissenschwesternschaft der altchristlichen Zeit.Später traten die ständigen Einwohner und Diener der Xenodochien,Hospize und Hospitäler, schliesslich geistliche Brüder- und Schwestern-schaften, Mönche und Nonnen für die Krankenpflege ein. Die Abge-schiedenheit der klösterlichen Regeln brachte es mit sich, dass diegeistlichen Genossenschaften von der nach aussen gerichteten Arbeit derfreien Liebesthätigkeit sich bald wieder zurückzogen, datür mit umso grösserem Eifer das eigene Seelenheil in der Beschaulichkeit derklösterlichen Stille pflegten. Sie überliessen die Sorge um das fremdeLeid, die Pflege der Armen und Kranken den Genossenschaften ausdem Volke, den Bruder- und Schwesternschaften aus den Laien und Un-gelehrten, aus den Rittern und Bürgern.

Geht man auf den Ursprung der Pflegegenossenschaften zurück, sofindet man meist einen oder mehrere Gründer eines bestimmten wohl-thätigen Fonds oder Zweckes, die sich für die meist auf Pilgerfahrtenin Leibesnoth erfahrene Rettung erkenntlich zeigen wollen. Sie suchenVorkehrungen zu treffen, durch die verhütet werden soll, dass auch anderePersonen ähnliche Bedrängniss erfahren. So bezweckten die Laienbrüder-schaften zuerst das Geleit der Pilger durch wüste Gegenden, durch Räuber-schaaren oder die Völker der Ungläubigen, den Schutz der Pilger gegen Krank-heit oder Nahrungsmangel oder Bedrängniss irgend welcher Art, schliesslichauch nur eine sichere Ueberfahrt über reissende Ströme. Die bei solchen Ge-legenheiten geübte Krankenpflege wurde allmählich, als der ursprünglicheZweck durch das Aufhören der Pilgerfahrten in Wegfall kam, Hauptzweck.Andere Personen, die selbst von schwerer Krankheit genesen warenamter der wohlthuenden Pflege frommer Brüder oder Schwestern oder dievon schwerem Leid sonst bedrückt wurden, gründeten ein Krankenhausund pflegten selbst darin. Auf diese Weise legten sie den Grund zueiner Vereinigung, deren Vorsteherschaft sie übernahmen.

Die ritterlichen Krankenpflegschaften sind eine Folge der Kreuzzüge,entsprungen der Romantik des mittelalterlichen Ritterthums, dasalsseine Aufgabe ansah, die Güter der Ehre, der Tugend, des edlerenLebensgenusses durch Tapferkeit, Frömmigkeit und keuschen Frauen--dienst zu erringen." Die Entwickelung der Ritterorden zeigt uns das

9*

~&