11Natur zu erfüllen. Insbesondere gehört unsere Seele, als einvernünftiges und nach der Vollkommenheit strebendes Wesen, zudem Geschlechte der Wesen, die den Endzweck der Schöpfung ent-halten, und niemals aufhören, Beobachter und Bewunderer dergöttlichen Werke zu sein. Der Anfang ihres Daseins ist, wiewir sehn, ein Bestreben und Fortgehn von einem Grade derEntwickelung zum höhern; ihr Wesen ist des unaufhörlichenWachsthums fähig. Ihr Trieb hat die augenscheinlichsten Anla-gen zur Unendlichkeit und die Natur beut ihrem nie zu löschen-den Durste eine unerschöpfte Quelle an. Ferner haben sie alsmoralische Wesen ein System von Pflichten und Rechten, dasvoller Ungereimtheiten und Widersprüche sein würde, wenn sieauf dem Wege der Vervollkommnung gehemmt und zurückgestoßenwerden sollten. Und endlich verweiset uns die anscheinende Un-ordnung und Ungerechtigkeit in den Schicksalen der Menschen aufeine lange Reihe von Folgen, in welchen sich alles auflöset, washier verschlungen scheint. Wer hier mit Standhaftigkeit undgleichsam dem Unglück zum Trotz seine Pflicht erfüllt und dieWiderwärtigkeiten mit Ergebung in den göttlichen Willen erdul-det, muß den Lohn seiner Tugenden endlich genießen, und derLasterhafte kann nicht dahinfahren, ohne auf die eine oder andereWeise zur Erkenntniß gebracht zu sein, daß die Uebelthaten nichtder Weg zur Glückseligkeit sind. Mit einem Worte: allen Eigen-schaften Gottes, seiner Güte, seiner Gerechtigkeit würde es wider-sprechen, wenn er die vernünftigen und nach der Vollkommenheitstrebenden Wesen nur zu einer zeitlichen Dauer geschaffen hätte.So das Urbild, wonach Lessing seinen unsterblichen „Nathanden Weisen“ bildete.n
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