begrüssen diese Aufforderung mit wahrer Freude; wir ge-horchen derselben vielleicht rascher, als man erwartete. Diefolgenden Blätter sollen die Antwort auf die vielen Fragenertheilen, welche heule gewöhnlich unter dem Schlagworte»Judenfrage« zusammengefasst werden.
Die Juden brauchen wahrlich am wenigsten davor zu-rückzuschrecken, wenn man sie auffordert, Rechenschaft vonihrem Glauben und ihrer Moral abzulegen und ihre Ziele zuoffenbaren: Die Juden spielen kein verborgenes Spiel; sielassen Jedermann in ihre Karten sehen.
»Oeffnen wir den Völkern unsere Schriften. Mögen sieEinsicht nehmen in unseren Moralcodex! Wir brauchen diesePrüfung nicht zu scheuen, denn wir sind reinen Herzens undreinen Geistes. Mögen doch die Völker die Wohnungen Israelsaufsuchen und sich auf Grund eigener Anschauung von dessenCharakter überzeugen! Sie werden dann mit Bileam, der aus-zog, um Israel zu fluchen, ausrufen: »Wie schön sind deineZelte, o Israel: wie köstlich deine Wohnungen!« Ihr Fluchwird sich wie bei Bileam in Segen verwandeln; sie werdenReue empfinden ob der Jahrtausende schuldlos an uns verübtenActe der Grausamkeit und Ungerechtigkeit; sie werden uns diealte Ehrenschuld abtragen, die sie durch Jahrhunderte ange-häuft hatten.«*
So schrieben wir im Jahre 1882, als die Antisemiten-bewegung in Oesterreich ihr freches Haupt erhob. Wir dachtennicht, heule wieder zur Feder greifen zu müssen. Doch, so sei's!
Wir legen in unserer Schrift in einer für Jeden, dersehen und hören will, verständlichen Weise unseren, d. i. denStandpunkt der liberalen Juden dar, selbst auf die Gefahrhin, von einem Theile unserer Glaubensgenossen — die nochimmer den Geist unserer Zeit nicht begreifen können und lieberbei Festhaltung aller talmudischen Gesetze wieder in denfinsteren Gheltos wohnen möchten, als sich freie Bürger des19. Jahrhunderts zu nennen •— verfolgt und verleumdet zuwerden.
"* »Presse und Judenthum«, 2. Aufl. p. 153.