Druckschrift 
Holbeins Totentanz und seine Vorbilder
Entstehung
Seite
277
Einzelbild herunterladen
 

SCHLUSS.

Es ist in der Thateine Welt von Gedanken und Beziehungen",die wir in Holbeins Totentänzen durchwandern; und der sie meister-haft zusammenfasste, zeigt uns seine Menschenkenntnis in Bildernvon vollkommenster Kunst. Es sind nicht geistreiche Illustrationenzu einem gegebenen Text, sondern als durchaus selbständige Kunst-werke umschliessen sie einen kaum zu erschöpfenden Inhalt; nichtder alte Totentanz zieht an uns vorüber, sondern das Schauspieldes Lebens, mit seinem Licht und seinem Schatten, und stets inBildern von einwandsfreier Wahrheit und Wirklichkeit, voll Kraftund Leidenschaft, aber meist auch von weisem Mass und oft vonhoher Anmut.

Holbeins künstlerischer Reichtum ist so gross, dass er in seinenCyklen das verdeckt, was an den früheren Totentänzen ermüdet:die stete Wiederholung. Was dort in endloser Variation desselbenGedankens sich erschöpft, wird bei Holbein bloss zum künstlerischenMittel, das die lange Reihe der wechselnden Bilder in einen sicht-baren und noch mehr empfundenen Zusammenhang bringt. Für dasAuge des Künstlers war dieser Zusammenhang offenbar die Ver-anlassung, auf den Totentanz immer wieder zurückzukommen; er fanddarin den passenden Rahmen, der seine unerschöpflichen Kunst-gedanken einheitlich ein- und abschloss.

Aber auch die höchste Kunst schüttet ihre reifen Schöpfungennicht mühelos aus; Jahre dauerte es, ehe Holbein von den erstenTotentanzbildern bis zur vollkommensten Durchbildung seines Gegen-standes gelangte. Und wiederum steht sein ganzes Werk da alsdie Endstufe einer langen Entwickelung, die mit dem Totentanz-gemälde in Klingenthal begann und sich dann in den ältesten Holz-schnitten, dem Grossbasler und Berner Gemälde fortsetzte. Wirsahen, wie befangen und anspruchslos jene älteste Darstellung anfing,wie mit zunehmender Freiheit der Auffassung auch künstlerischer