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Zur Illustration dieser Vorstellung ist selbstverständlich die Toten-gestalt nicht nötig, so wenig wie zur Hervorrufung einer allgemeinenTodesmahnung, die ja aus dieser wie aus jeder Sterbescene, die nicht mitbesonderen anderen Beziehungen verknüpft ist, deutlich zu uns redet.Dass jedoch die ganze Darstellung nur auf den Tod des Priesters ziele,ist eine durch den Text künstlich erzeugte Anschauung, die im Bildekeine Unterlage findet. Folglich kann die Totengestalt nur dazu dienen,den Ernst des Vorgangs, das Lebensbild selbst drastisch zu beleuchten.
Ich mache noch auf das Stundenglas aufmerksam, das in derLage, wie es vom Toten getragen wird, natürlich nicht wirken, denAblauf der Zeit nicht bezeichnen kann. Es ist aber nur das üblicheAttribut, das Holbein so gern anbringt, ohne sich ängstlich an seineBedeutung zu halten.
Und nun das köstliche Seitenstück zum vorigen Bilde: der„Tod", der den elenden Kranken beim Arzt (26) einführt. Schondie Stellung der Totengestalt, zwischen dem Kranken, den sie ander Hand hält, und dem an seinem Tisch sitzenden Arzt, dem siedie Flasche mit dem Wasser des Patienten zur Untersuchung reicht*),ist vorzüglich gewählt: sie verbindet beide und hält es mit beiden.Und dieser äusseren Situation entspricht der aus der ganzen Handlungunmittelbar abzulesende Inhalt, dass gerade der „Tod" einem Krankendie Heilung durch den Arzt zusagt und diesen wiederum um seinUrteil über den Kranken fragt, den er, der „Tod", an der Hand hält.Dies sind doch Dinge, die eine verschiedene Interpretation gar nichtzulassen sollten. Aber einmal der leidige Begleitspruch: „Arzt, hilfdir selber" und dann die Gewöhnung, in jedem Blatt des HoLBEiNschenTotentanzes die Hauptperson als Todeskandidaten aufzufassen, habenauch hier Woltmann von dem Nächstliegenden abgelenkt; die Todes-drohung soll sich natürlich gegen den Arzt richten, während dieser an-geblich dem Kranken gerade einen wenig tröstlichen Bescheid giebt**).
*) NAUMANN hält dieses Glas für eine Arzneiflasche! Die Verse des oberdeutschen Toten-tanzes hätten ihn schon eines Besseren belehren können.
**) Diese Deutung widerspricht dem Bilde; der Arzt streckt die Hand aus, um das Glas,das damals noch den Ausgangspunkt jeder Diagnose bildete, in Empfang zu nehmen, er kann alsogleichzeitig nicht schon dem Kranken einen Bescheid geben. — Richtiger wurde unser Blatt schonim vorigen Jahrhundert durch einen ilaler interpretiert, der es zur Darstellung eines Schweizer Dorf-arztes, Namens Michel Schuppach, benutzte (Gemälde in Privatbesitz). Dieser sitzt da, vertieft in diePrüfung des Wassers, ihm gegenüber der Patient, hinter dem der Tod steht und ihm die Hand aufdie Schulter legt. Zweifellos ist dies eine Wiederholung des HoLBEiNschen Motivs, wobei aber dieBeziehung der Totengestalt zum Patienten und nicht zum Arzt ganz evident ist.