— 230 —
wohl die Bibelsprüche und die abgeschmackten Verse, die fremdeWillkür den Bildern Holbeins anheftete, zu lesen, nicht aber dieSprache der letzteren.
Die angebliche Verspottung aller Geistlichkeit ist allenfalls beider Minderzahl von ihnen und, wie sich zeigen wird, in bescheidenemMasse sichtbar, während gerade der Bischof, der Domherr und derPriester zu den ruhigsten und würdigsten Figuren des ganzen Buchsgehören. Dasjenige ferner, was Woltmann von den geringen Leutensagt, lässt sich ebensowenig in den Bildern erkennen. Trotz desBibelspruchs, auf den sich Woltmann beruft, zeigt der Krämer nichtdas geringste Verständnis für die „Wohlthat des Todes", dem erzu entkommen sucht, und beim alten Weibe, dem Blinden und demNarren kann ich erst recht nichts vom gerechten Lebenswandelerblicken, wie sie auch von den Totengestalten keineswegs schonendbehandelt werden. Umgekehrt treten die letzteren nirgends so rück-sichtsvoll auf wie bei der Kaiserin, bei dem Bischof, dem Domherrnund dem alten Mann, der durch seine reiche Kleidung wenigstensals ein Wohlhabender gekennzeichnet ist *); auch die übrigen vor-nehmen und mächtigen Weltlichen sind, mit einigen der von Wolt-mann angeführten Ausnahmen t durchaus nicht unwürdig gehalten, sodass nur ein Vorurteil ihnen allerlei Ungerechtigkeit anheften mag.
Diese Beispiele werden vorläufig genügen, um die Haltlosigkeitder alten, von Woltmann wiederaufgenommenen moralisierendenAuffassung zu bezeugen. Freilich erscheint sie bei ihm etwas ge-dämpft durch die schwungvollen Redensarten von der künstlerischenDarstellung Holbeins; aber gerade die in dieser Mischung ver-borgenen Widersprüche offenbaren den eigentlichen Gehalt der ganzenKritik, die darauf hinausläuft, dass Woltmann, statt die Bilder, umdie es sich handelt, unbefangen selbst zu prüfen, gleichzeitig allenseinen Vorgängern und seiner eigenen Empfindung von der Bedeutungseines Helden gerecht zu werden sich bemühte. So entstand dasHalbwahre, für das er nirgends voll einstehen konnte — die Phrase.
Kehren wir zu den HoLBEiNSchen Bildern selbst zurück, um dieFrage zu beantworten, was er denn eigentlich dargestellt hat. Es
*) Schlotthauer und Woltmann sprechen allerdings vom „armen alten Mann"; ich ver-stehe aber nicht, wie man damit das pelzverbrämte Oberkleid vereinigen soll.