Druckschrift 
Holbeins Totentanz und seine Vorbilder
Entstehung
Seite
229
Einzelbild herunterladen
 

229 ---

Strafe fürchtet, mitten im Frevel ergreift".Teufel lässt er auf dieSeele des Papstes lauern; gegen die Geistlichkeit, von ihrem erstenbis zum letzten Vertreter schnellt er die schärfsten Pfeile des Un-willens und Spottes ab, mitten in Vermessenheit und Überhebung, inGleissnerei, Trägheit und Wohlleben, in Verdummung, Habsucht undUnsittlichkeit werden sie vom Verhängnis ereilt." Die demokratischeGesinnung der Zeit präge sich nicht nur in dem Bilde des vomBauern Überfallenen Grafen aus; in ruhiger und gerechter Ausübungihres Berufs fielen meist nur die geringen Leute wie Krämer undAckersmann dem Tod in die Hände, und die begleitenden Bibel-stellen schienen den Tod fast als Wohlthat zu bezeichnen. Dagegenwürden die Mächtigen und Vornehmen, Herzog, Ratsherr, Richter,inmitten ihres ungerechten Treibens gepackt, fielen Ritter und Kriegs-mann, die mit dem Schwerte Gewalt übten, ebenfalls durch Gewalt.

Und nun frage ich, wie verträgt sich denn das angebliche Fern-halten aller religiösen Voraussetzungen mit jener gegen Papsttum undGeistlichkeit gerichteten Satire, die sich einfach auf den Standpunktdes derben Pamphlets jener Zeit stellt, oder mit dem Inhalt der ein-leitenden Bilder Holbeins, die Woltmann selbst mit dem Satze inter-pretiert : der Tod ist der Sünde Sold (S. 269) ? Und soll etwa dieAlleinherrschaft des rein Menschlichen darin zum Ausdruck kommen,dass alle Mächtigen und Vornehmen, vor allem die gesamte Geistlich-keit, als Träger aller Laster, die geringen Leute allein als Gerechtegeschildert wurden? Ist der allerdings demokratische Gedanke, dassGlanz und Macht schon an sich Demütigung und Hohn verdienen,oder die Andeutung, dass der Tod des Sünders inmitten seiner Frevel-that eine Strafe des Himmels sei, sind dies die Zeugnisse für die überjedes Dogma erhabene sittliche Auffassung in Holbeins Bildern?

Wäre Holbein thatsächlich so vorgegangen, wie es Woltmannschildert, so verdiente er die ihm gezollte Anerkennung nicht; einreligiöser und socialer Fanatiker kann auf Shakespeareschen Geistund edle Humanität keinen Anspruch machen, und triviale Moralist noch lange keine befreiende Ironie. Glücklicherweise wurdeHolbein bei seiner damaligen Jugend wohl weniger durch reifesUrteil und geklärten Sinn als durch sein angeborenes Kunstgefühlvon jenen Verirrungen zurückgehalten*); denn Woltmann verstand

s ) Einige seltene Ausnahmen, wo die Lust an der Satire alles andere überwog, kann man jatrotzdem ohne weiteres zugestehen.