209
DIE GLIEDMASSEN DER TOTENGESTALTEN.
BN den Gliedmassen von Holbeins Toten hat Wolt-mann am meisten auszusetzen gefunden; nur für dieDolchscheide macht er das Zugeständnis, dass die"erücrten Fehler dort nicht in </leichem Masse vor-kämen (s. o. S. 195). Die Wahrheit ist aber, dassdie Toten der Dolchscheide an Schulter und Brust, an Armen undBeinen in Anbetracht ihrer geringen Grösse von beinahe tadelloserBildung sind und nur am Becken gewisse Unrichtigkeiten zeigen, dieaber im Vergleich zum grossen Totentanz gar nicht ins Gewichtfallen. Jedenfalls kann man die bedeutenden Abweichungen vonjenen älteren richtigen Skeletten, die sich Holbein in dem grossenTotentanz erlaubte, nur als absichtliche bezeichnen; und statt siebloss als anatomische Fehler zu registrieren, wäre die nächste Auf-gabe, die Absichten des Künstlers zu erforschen.
Bei der Betrachtung des ganzen Schulterapparats fälltnatürlich vor allem die umfängliche Platte auf, die jederseits dieStelle des Schlüsselbeins und der oberen Rippen einnimmt*). DassHolbein dabei an eine wirkliche Knochenplatte gedacht habe, wieWoltmann meint, ist ganz ausgeschlossen, sobald man das ersteSkelett auf der Dolchscheide angesehen hat, wo der Brustkorb unddie Schlüsselbeine von keiner ähnlichen Platte verdeckt sind. Dagegen
*) Ich übergehe das Schulterblatt, dessen im ganzen richtige Umrisse, No. 34 ausgenommen,mit den gleichen Teilen des Basler Gemäldes übereinstimmen. In Houseins Bild 12 (Bischof)fehlt das linke Schulterblatt, merkwürdigerweise gerade so wie in der entfernt ähnlichen Figur desToten beim Koch in Gross-Basel (Fig. 52). Ob dies in irgendwelchem Zusammenhange steht, istschwer zu sagen, aber auch ohne Belang für unsere Untersuchung; jedenfalls ist in beiden Fällendas Schulterblatt infolge einer argen Flüchtigkeit fortgeblieben. Vögelin glaubt freilich jenemangelhafte HOLBEINsche Totenfigur so interpretieren zu dürfen, dass der „Brustkasten" (sollheissen: Vorderbrust) im Rücken sitze (No. 71, S. 33). Nun haben wir allerdings solche grobeVerstösse bei gedankenlosen Ausbesserern der Wandgemälde feststellen können; dasselbe aber einemHolrein oder LCtzelhurger vorzuwerfen, dazu gehört doch schon ein aussergewöhnlicher Mut undim vorliegenden Falle eine vollständige Unkenntnis des Skeletts. Denn sonst hätte der Verlaufder sichtbaren Rippenabschnitte in unserer Figur Vögelin darüber belehren müssen, dass sie nurdem Rücken und nicht der Vorderseite der Brust angehören können. Vögelin war aber so wenigKenner des Skeletts, dass er die Churer Totengestalten mit ihren vollständigen Nasen, dem durch-gängigen Mangel des Jochbogens und allen sonstigen Fehlern für ebenso vollkommen hielt wie dieechten IIOLHEINschen Toten (No. 71, S. 16, 17, 78).
Goette, Holbeins Totentanz u. seine Vorbilder. 14