— 201 —
naturgetreue Skelette erschienen. Wenn er dies in der Folge nichtwiederholte, sondern Gestalten schuf, die nur im allgemeinen anSkelette erinnern, im einzelnen aber sich davon ganz wesentlichunterscheiden, so liegt von vornherein die Vermutung nahe, dass erdamit die Darstellung von wirklichen Toten aufgeben wollte. Es istüberdies ganz ungenau, wenn Wackernagel nur seltene Ausnahmenvon vollkommenen Gerippen bei Holbein zugesteht und Woltmannsolche Ausnahmen gar nicht einmal erwähnt. Thatsächlich sind vieleangebliche Gerippe des grossen Totentanzes entweder ganz oder inverschiedenen Abstufungen mit kenntlichen Weichteilen bedeckt(5, 8, 10, 14, 24, 26, 38, 40, 43, 45, dazu Braut und Bräutigam),abgesehen davon, dass sie nicht selten Haupthaare tragen und dieHände und Füsse überhaupt nicht als Skelettteile behandelt sind.Um aber die übrige, nach Woltmann angeblich durchaus fehlerhafteSkelettbildung beurteilen zu können, ist eine genaue anatomischeUntersuchung des ganzen Körpers jener „Gerippe" erforderlich.
DER SCHÄDEL DER HOLBEINSCHENTOT ENGESTALTEN.
ER Schädel, das Knochengerüst des Kopfes, wurdeschon in den früheren, namentlich den deutschenTotentänzen so weit richtig gezeichnet, dass an einemStudium nach der Natur nicht zu zweifeln ist, wozuja schon die Beinhäuser genügend Gelegenheit boten*).Dabei entgingen dem scharfen Blick eines Künstlers wie Holbeindie verschiedenen Schädelformen nicht, weshalb wir schon auf derDolchscheide und noch mehr im grossen Totentanz Langköpfe miteiner gewissen queren Einsattelung in der Kranznaht und Kurzköpfemit hohem Scheitel und zurückfliehender Stirn antreffen. SolcheExtreme einer Einsattelung wie in No. 8 und eines buckeiförmigvorspringenden Scheitels wie in No. 21, 28, 33 sind schon mehr
*) Im Anfang des 16. Jahrhunderts war die Kenntnis des Schädels bei den Künstlern schoneine vollkommene; man vergleiche das Bild eines Schädels in natürlicher Grösse von J. Wechilinunter seinen Clairobscurblättern (Nachschnitte von Lödel) und das Wappen des Todes von DÜRER.