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Totentänze sind aber gerade eine dichterische Erfindung, worin derGegensatz von Leben und Tod vereinigt werden sollte. Allen, auchden ältesten Darstellern der Totentänze war dies so gegenwärtig,dass ihre verschiedene Gestaltung der tanzenden Toten nur einBeweis dafür ist, wie sehr sie auf Mittel sannen, gegenüber derkenntlichen Lebensbewegung der ersteren das Totenhafte in ihrerKörperbildung genügend hervorzuheben.
Wie wir sahen, mag man schon im Schauspiel das einfachsteund wirksamste Mittel dafür angewandt haben, indem die Darstellerder Toten eine Totenkopfmaske trugen. Dies blieb dann das Erb-teil aller Totentänze. Der Kleinbasler Meister fügte die übertriebeneMagerkeit namentlich der Gliedmassen hinzu, so dass die Muskel-anschwellungen, z. B. die Waden, vollkommen verschwanden; diealten Holzschnitte schlössen sich im allgemeinen an. Noch weiterging Gross-Basel, wo manche Körperteile enthäutet, die Muskelnzerfetzt, Knochen entblösst erscheinen. In Paris wurde wiederumdas stark vortretende Muskelrelief mit eng anliegender Haut mass-gebend und dann nach Lübeck übertragen, worauf Berlin wirklicheMumien zum Vorbilde nahm. Erst N. Manuel verliess diese Tradi-tionen , indem er ganz willkürlich die entblössten Muskeln gewand-artig behandelte und so wahre Karikaturen schuf. Keinem dieserMaler fiel es aber ein, ganz vollständige Körper, also gewissermassenfrische Leichen zeichnen zu wollen; sie wären vielmehr gewiss nochweitergegangen und hätten Skelette gemalt, wenn ihnen solche be-kannt gewesen wären. Immerhin erreichten sie ihren Zweck, dieKennzeichen des Todes unzweideutig anzugeben, vollkommen; dennselbst heutigen Tages werden jene Gestalten „Gerippe" genannt, auchwenn sie nichts weniger als entfleischte Knochengerüste sind*). Frei-lich gelang es jenen Malern nicht, das Gebaren ihrer Toten zugleichmit voller Lebenswahrheit auszustatten: trotz lebhafter Bewegungblieben sie hölzerne, kraftlose Figuren.
Holbein änderte die Gestalt der Toten, war aber keineswegsder erste, der sie als Skelette vorführte; und ebensowenig waren
*) Vgl. Lübke, ein Totentanz in Badenweiler (No. 43). Es ist dies freilich kein Totentanz,sondern nur die Legende von den drei Königen und den drei Toten. Lübke nennt die letzteren„Gerippe" und „Skelette" mit dürren Knochenfmgern, während sie doch wesentlich so gebildet sindwie die Toten in Klingenthal, nicht einmal so schlank sind wie die spinnenbeinigen Könige vorihnen und genau dieselben Hände zeigen wie diese.