— 195
Ausnahmen als vollkommenes Gerippe dargestellt ist, ganz nur ausnacktem Gebein bestehend. Gleichwohl hat der Künstler selbst inden entfleischten Schädel stets ein charakteristisches Mienenspiel zulegen gewusst. Einmal auch hier, bei der Kaiserin, ein weiblicherTod" (Wackernagel, S. 364)*). Woltman n wiederholte dieses Urteil,verschärfte aber den Tadel. Hol beins anatomische Kenntnisse seien„noch sehr untergeordneter Art" und „die Bildung des Gerippesberuht bei ihm auf keinem Wissen, sondern sie ist lediglich erraten."Nicht einmal die ScHOTTschen Skelettbilder von 1 517 seien verwertet.„Oft entspricht den Schulterblättern eine ähnliche Knochengestaltungauf der Brust, eine richtige Angabe des Beckens fehlt gewöhnlich,die Gelenke sind völlig missverstanden, das Schienbein und derUnterarm zeigen nur einen Knochen, während sich dagegen Ober-arm und Oberschenkel oft den Luxus eines doppelten Knochenserlauben." Das Skelett beim Arzt im Grossbasler Totentanz sei beiweitem richtiger als irgend eines aus den HoLBEiNschen Holzschnitten.Durch seine „Abweichungen von der osteologischen Wahrheit" hätteer weder eine künstlerisch erklärbare Vereinfachung noch eine Ver-schönerung erreicht. „Übrigens ist zu bemerken, dass HolbeinsTotentanzzeichnung für eine Dolchscheide die erwähnten Fehler undUnrichtigkeiten nicht in gleichem Masse zeigt" (No. 78, S. 262, 263).
Endlich giebt Woltmann noch einen besonderen Grund seinerVerurteilung der HoLBEmschen Totengestalten an. Sie seien inäusserster Bewegung dargestellt, „wodurch sonst aber sollen sie sichbewegen können als mit Hilfe der Muskeln?" Deshalb sei es auchviel sachgemässer, diesen Gestalten die Muskeln zu lassen, wie esin den alten Totentänzen geschah, oder bei dem Toten des Kriegersauf der Dolchscheide, der „noch weit vom Skelett entfernt" sei.
Ich finde nun, dass man Wackernagels vorsichtige Zweifel ander Berechtigung der Skelettbildung noch anerkennen mag, dass aberWoltmann bei seiner ausführlichen und zuversichtlichen Kritik sehrwenig Überlegung und noch weniger Kenntnisse des Gegenstandesbewiesen hat, über den er sich so bestimmt auslässt.
Er konnte seine Beispiele nicht unglücklicher wählen. An jenemToten des Kriegers auf der Dolchscheide ist nur die Brust, die an
*) Wackernagel hat übersehen, dass weibliche Tote ausserdem noch vorkommen: in demBeinhaus, bei der Nonne und wohl auch bei der Herzogin. Erst Mechei. (No. 52) hat die Merk-male des weiblichen Geschlechts durchweg fortgelassen.
13*