Druckschrift 
Holbeins Totentanz und seine Vorbilder
Entstehung
Seite
187
Einzelbild herunterladen
 

- 18; -

packt, der andere nach seinem Gelde greift. Was die Verdoppelungder Toten in den eigentlichen Kampfscenen bedeutet, wurde schonangegeben; im vorliegenden Fall hat sie aber einen anderen Sinn.In Gross-Basel ist das Bild des Wucherers (Fig. 70) allerdings einTodesbild, wobei das Motiv, dass der Wucherer Geld für seinLeben bietet, die Unerbittlichkeit des Todes und die Ohnmachtder Sterblichen gegen ihn noch stärker hervorhebt. Bei Holbeingebärden sich beide Toten geradezu als Räuber und die Angst desWucherers für sich und sein Geld bildet den wirksamen Gegensatzzu ihrer wilden Leidenschaft ein phantastisch eingekleidetes Bildwirklichen Lebens.

Das Bild der Buhlerin (S), die sich vom Toten umarmen lässt,wiederholt den schon von Manuel in einer besonderen Zeichnungbehandelten Gedanken des grauenvollen Verhängnisses, das derLiebesgenuss birgt (Woltmann, No. 78, I, 254, 280); je cynischerHolbein sich in der Ausführung dieses Gegenstandes gehen lässt,desto mehr entfernt er sich von dem einfachen Todesbild. Vollendsvon einem solchen verschieden sind der Säufer (T) und namentlichdie Spieler (X). Auf beide Bilder werde ich bei späteren Gelegen-heiten näher eingehen ; es sei daher hier nur hervorgehoben, dassin keinem von beiden ein tödlicher Angriff wirklich dargestellt ist,und dass namentlich bei den SpielernTod und Teufel" überhauptnicht nach ihnen greifen oder von ihnen beachtet werden und daherdurch ihre Anwesenheit bloss die verdammenswürdige Leidenschaftder Spieler versinnlichen sollen.

Im letzten hier zu erwähnenden Bilde (Y) scheint freilich dieAnnäherung an die alten Totentänze wieder grösser zu sein: derTod beugt sich über die Wiege und hebt beide Hände des Kindeswie zum Tanz. Aber durch die Verlegung der ganzen Scene indas Wohngemach, sow T ie durch die herbeigeeilte und entsetzt jam-mernde Mutter wird die Darstellung in eine ganz andere Beleuchtunggerückt. Der in den alten Totentänzen massgebende Gedanke, dassdie nacheinander erscheinenden verschiedenen Stände und Altergleicherweise dem Tode verfallen seien, tritt im Alphabet schon in-folge der Trennung der einzelnen Initialen voneinander ganz zurückgegenüber dem Inhalt der gerade behandelten Scene. So überwiegtim Beschauer des letzten Bildes nicht die Vorstellung von derSterblichkeit auch des Neugeborenen (Hyer naquis, huy men fault