Druckschrift 
Holbeins Totentanz und seine Vorbilder
Entstehung
Seite
73
Einzelbild herunterladen
 

73

die Edelfrau folgen unmittelbar auf ihre Männer, die Äbtissin unddie Jungfrau sind aber von ihren natürlichen Vordermännern, demAbt und dem Jüngling, durch andere Paare getrennt; auch solltenJurist, Fürsprech, Chorpfaff nicht dem Edelmann vorangehen.Bemerkenswert gegenüber den französischen Totentänzen, in denennur ausnahmsweise einmal zwei Frauen von untergeordneter, wahr-scheinlich lokaler Bedeutung vorkommen, ist die grössere Zahl derFrauen (7) in Klein-Basel.

Die Lebenden zeigen sich meist in ruhiger Haltung, obgleicherschreckt oder halb widerstrebend, wenn der Tote sie erfasst oderbereits mit sich fortzieht. Häufig deuten sie das wirkliche Sterbenan durch das Sinken des Kopfes und der Arme, die die Attributefallen lassen (Fig. 25, 36). Diese Scenen wiederholen sich gleich-massig durch die ganze Reihe mit nur wenigen Ausnahmen, in denender Maler durch ein neues Motiv, durch einen Anflug von Humoroder Satire die Handlung zu beleben suchte. Dazu gehört z. B. dieEdelfrau, die sich im Spiegel betrachtet und darin den sie über-raschenden unheimlichen Gesellen erblickt (Fig. 38); dann der Krüppelund der Blinde, denen die Toten zunächst ihre Stützen entziehen(Fig. 23, 33), und endlich der Wucherer, der an seinem Zahltischund beim Geldzählen, also in seiner Berufsthätigkeit, vom Toten über-rascht wird, worauf er das Geld mit seiner Hand zu decken und zuschützen sucht (Fig. 29)*).

Jene Eintönigkeit der aufeinander folgenden Scenen haftet auchden Toten an, die in ihren gemessenen Bewegungen nur dadurcheinige Abwechselung bieten, dass sie entweder an die Lebendenherantreten oder sie fassen oder schon mit sich fortziehen. Auchihre sonstige Erscheinung ist gleichförmig: selten führen sie ein Musik-instrument (s. o.). Todesattribute sind ganz ausgeschlossen undnoch seltener ein dem Lebenden entrissenes Attribut, wie z. B. derTote, der das dem sterbenden Ritter entwundene Schwert hält(Fig. 36). Im übrigen sind es nackte, nur gelegentlich mit Leichen-tüchern bedeckte Gestalten mit einem richtigen Totenschädel**)

) Was die bisher nirgends erwähnte, aber sehr auffallende schwarze Gesichtsfarbe des Narrenund des Blinden (Fig. 32, 33) in Büchels Zeichnung bedeutet, ist mir ganz unklar geblieben. Viel-leicht ist nur das Nachdunkeln einer bestimmten Farbe des Wandgemäldes vom Kopisten miss-verstanden worden.

**) Nur der Tote des Grafen (Fig. 26) hat einen vollständigen porträtartigen Kopf; es istmerkwürdigerweise dasselbe Bild, auf dem das Datum der Erneuerung der Malerei stand.