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Holbeins Totentanz und seine Vorbilder
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sei. Ich halte diese Voraussetzung nicht für nötig, da bei demFehlen jeder Kenntnis von einem so alten niederländischen Toten-tanz es viel einfacher und natürlicher ist, auch für Lübeck das an-zunehmen, was in dem ganz analogen Fall in Basel für sicher gilt,dass nämlich die fremden Sprachformen durch den Künstler hinein-gebracht wurden, der ja nicht nur das Bild, sondern auch den Textdarunter malte, und in Lübeck, bei dessen regem Verkehr mit denNiederlanden, ganz naturgemäss von dort eingewandert oder berufensein konnte. Auch hat auffallenderweise Seelmann selbst an jenerseiner Ansicht nicht festgehalten, indem er an einer anderen Stelleseiner Abhandlung alssichere Thatsache" hinstellt, dass der in Redestehende Textdie Übersetzung einer altfranzösischen, für die scenischeAufführung verfassten Dichtung des 14. Jahrhunderts ist" (No. 65,S. 17). Aber auch hierin geht Seelmann zu weit. Sicher ist nur,dass der Lübecker Totentanz die allgemeine Form des französischenSchauspieltextes, die einleitenden Worte und eine Anzahl von Scenenbeibehielt; die Identität des beiderseitigen Inhalts ist aber nicht nurvöllig unerwiesen geblieben, sondern kann jetzt, nachdem der Inhaltdes Schauspiels aus dem Vergleich der drei französischen Gemäldemit ziemlicher Evidenz festgestellt werden konnte (s. S. 44 f.), direktwiderlegt werden*). Im Schauspiel treten auf: ein Prediger mit einemMusiker, darauf die 30 in Paris wiederkehrenden Paare, endlich dieGruppe der unbenannten Stände und der zweite Prediger. LübeckHess, ausser diesen zwei letzten Scenen, von den 30 Ständen denPatriarch, Erzbischof, Advokat, Spielmann, Mönch, Franziskaner,Lehrer, Sergeant fallen**) und ersetzte sie durch die Kaiserin unddie Jungfrau, die wie alle Frauen überhaupt im ursprünglichen fran-zösischen Totentanz fehlten. Die auf diese Weise herbeigeführteVerminderung der Zahl der Paare auf 24 kann keine zufällige sein,da sie sich in den geschriebenen und xylographischen oberdeutschenTotentänzen wiederholt (Wackernagel) ; man strich also sechs Paare

*) Man könnte freilich noch an die von Seelmann erwähnte Möglichkeit denken, dass esnoch einen zweiten Schauspieltext gegeben habe, der in Lübeck zur Vorlage diente, während dieFranzosen selbst den uns allein bekannten ersten Text für ihre Gemälde benutzten. Eine solcheHypothese hat aber doch nur dann einen Sinn, wenn man überhaupt nicht umhin könnte, denLübecker Totentanz für eine vollkommen treue Wiedergabe eines französischen Schauspiels zu halten;die Nötigung dazu liegt aber nicht vor, da alle Anklänge an das Schauspiel sich ebensogut durcheine blosse Nachahmung erklären lassen.

*) Wie aus der Tabelle IV zu ersehen ist, lasse ich Herzog, Kapellan, Küster, Handwerkerund Jüngling als die richtigen Vertreter des Connetable, Cure, Clerc, Bourgeois und Amoureux gelten.