36
IV.DER TOTENTANZ VON LA CHAISE-DIEU.
IS gegen die Mitte unseres Jahrhunderts blieb auchdieses alte Wandgemälde der berühmten französischenAbtei weiteren Kreisen unbekannt; erst 1841 wurdees durch Jubinal der Vergessenheit entrissen, der eineKopie davon anfertigen liess und sie mit einigen, leidergar zu dürftigen Notizen begleitete*). Es befand sich im Innern derKirche auf einer Mauer, die aus vier breiten, pfeilerartig vorspringendenTeilen, zwei an den Enden und zwei in der Mitte, und drei dieZwischenräume ausfüllenden längeren Wänden bestand. Diese letz-teren waren getüncht; die Pfeiler hatten dagegen eine nackte Stein-fläche und waren in Felder eingeteilt (Fig. 10). Trotzdem war dasGemälde von Anfang "an als ein fortlaufendes gedacht, da nicht nurdie getünchten Wände, sondern auch die Pfeiler in ununterbrochenerReihenfolge bemalt waren, so dass die Toten und ihre Partner sichoft auf verschiedenen Flächen befanden. Das letzte Feld des zweitenPfeilers und ein Streifen der folgenden Wand sind in der JuBiNALschenKopie leer gelassen, weil eine in neuerer Zeit vorgebaute Kanzeltreppesie völlig verdeckte (No. 33, S. 15).
Da dem Gemälde ein begleitender Text fehlt und viele Ge-stalten keine bezeichnenden Attribute führen, ist es nicht leicht, sieohne weiteres richtig zu deuten. Jubinal selbst spricht u. a. voneinem Grafen, der den französischen Totentänzen ganz fremd ist,und Massmann hat die Personen noch schlimmer verwechselt, denLehrer mit dem Chorpfaffen, den Bürger mit dem Juristen, den Dom-herrn oder Chorpfaffen — dessen bezeichnendes Almucium wohl für
eine Mantille genommen wurde — mit der Äbtissin,
den Sergeanten
) Die Abbildung in Langi.ois' Buch (No. 35) ist ebenfalls nach dem Original angefertigt,aber erst nachdem es von einem modernen Ausbesserer, nach Jubinals Zeit, in einer Weise über-malt war, die an Willkür noch die alten Ausbesserungen weit übertrifft und das Gemälde völligunbrauchbar gemacht hat. Alle charakteristischen Merkmale der Totengestalten, auf die ich weiterunten zurückkomme, sind beseitigt, am Toten des Bürgers ist die ursprüngliche Bauchseite in denRücken verwandelt, am Toten des Waldbruders das Umgekehrte ausgeführt, der weibliche Tote un-kenntlich gemacht u. a. m.