— 26 —
Dieser letztere Neudruck der Danse macabre nennt, auf dieAutorität von Lacrok und Dufour gestützt, als selbständigen Ver-fasser des Textes Jean Gerson, der 1425 durch ein angeblich kurzvorher zum Gedächtnis des ermordeten Herzogs von Orleans gemaltesTodesbild zur Dichtung des Totentanzes veranlasst worden sei (Dufour,36, 37). Diese schon an sich unhaltbare Hypothese*) wird durchden Nachweis des alten Schauspieles vollends beseitigt. Auch kannder Text von 1425 nicht einmal eine freie Nachahmung, sondernnur eine Anpassung des Schauspieltextes an das Gemälde sein, in-dem noch die alte Reimordnung in den achtzeiligen Strophen, wahr-scheinlich ganze Verse und an mehreren Stellen noch die alte Ein-richtung mit dem nach zwei Seiten hin sprechenden Tod aus demSchauspiel in den neuen Text übergingen (S. 8). Dies letzteregeschah in der Weise, dass die an den Karthäuser, den Franziskanerund den Eremiten gerichteten Anreden der Toten mit einem letztenBescheid an die vorausgehenden Personen (Kaufmann, Bauer, Küster)beginnen. Es zeigt sich darin die grosse Flüchtigkeit des Bearbeiters,von dem man daher annehmen kann, dass er im allgemeinen nichtviel mehr that, als von den Doppelanreden des Todes im Schauspiel— mit den eben genannten Ausnahmen — je den ersten Teil zustreichen und so für jedes Paar des Bildes in zwei Strophen eineeinfache Ansprache des Toten und eine Antwort seines Partners her-zustellen. Es scheint mir daher undenkbar, dass ein nicht unbekannterSchriftsteller wie Gerson den neuen Text selbst zusammengestellthabe; wogegen es möglich ist, dass er die ganze Darstellung ver-anlasste. Dafür spricht ausser gewissen unsicheren Nachrichten überseine Autorschaft (Seelmann 28) der Umstand, dass im Pariser Ge-mälde an Stelle der zwei Prediger des Schauspiels der geistliche„Verfasser" (Acteur) und der „Maistre" treten, beide durch ihre Um-gebung als Gelehrte gekennzeichnet.**) Von besonderen Anpassungendes alten Textes an das Gemälde wären dann als einzig sichere noch
I las von Dufour reproduzierte Todesbild beweist nämlich schon durch die vollständigeSkelettbildung des Todes, dass es viel späteren Datunis ist, und dass daher die darauf angebrachteInschrift aus dem 16. Jahrhundert nicht ein späterer Zusatz (Dufour), sondern gleichzeitig mit demRüde entstanden sein dürfte.
Der nicht weiter bezeichnete schreibende Mann, der in der Ausgabe von i486 auf den.Maistre" folgt und in den späteren Ausgaben von Troyes den „Acteur" vertritt, hat, wie mir scheint,eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dem von Le Roux de Ijncy und Tisserand wiedergegebenenBildnis von Gerson.