— 17
Brüder Tanz"; und in den Handschriften ruft das Kind: „Ein schwarzerWann zieht mich dahin." Dass auch unter den „schwarzen Brüdern"die Toten verstanden sind, scheint mir zweifellos, weil in Grossbaselstatt dessen „dürre Brüder" steht, gerade so wie der KleinbaslerText den „schwarzen Mann" des Kindes durch „mageren Mann"ersetzt, was die Beziehung auf die Toten vollends sicherstellt*).Den ältesten bildlichen Darstellungen des Todes und der Totenwar also ein Schema gemeinsam, dessen Hauptmerkmale in einemfleischigen, wenn auch mehr oder weniger leichenhaften Körper vonschwarzer, bez. dunkler Farbe mit einem Totenschädel oder einemähnlich grausenhaft wirkenden Kopf bestanden, und das schon vomEnde des 13. Jahrhunderts an so weit verbreitet und anerkannt seinmusste, dass alle Maler jener und der folgenden Zeit sich danachrichten konnten. Dass ein Miniator ohne äussere Veranlassung daraufverfiel, das bis dahin benutzte Sinnbild des Todes, den nackten Mann,gegen jenes wunderliche Gebilde zu vertauschen, ist nicht geradewahrscheinlich; und noch unwahrscheinlicher ist, dass eine solcheMiniatur in weiten Kreisen und über die Landesgrenzen hinaus Nach-ahmung fand und eine volkstümliche Figur wurde. Einen solchenvolkstümlichen und auf weite Kreise wirkenden Einfluss hatte aberandererseits unzweifelhaft das Schauspiel des Totentanzes, das schonim 14. Jahrhundert als allbekannte Erscheinung in Dichtungen citiertund etwa um dieselbe Zeit nach Spanien eingeführt wurde und da-her wohl bis ins 13. Jahrhundert zurückgehen mochte. Wenn esvielleicht schon im 14. Jahrhundert, jedenfalls vom Anfang des 1 5. Jahr-hunderts an, zahlreiche Gemälde hervorrief, deren Gestalten von ihmbeeinflusst sein mussten, so ist es beinahe ebenso sicher, dass esschon vorher die Miniaturen in gleicher Weise beeinflusst hatte, mitanderen Worten, das gesuchte Vorbild für die verschiedenen Toten-gestalten lieferte.
•) Burckhardt will freilich unter den „schwarzen Brüdern" nur die Dominikaner (schwarzeMönche) als Veranstalter des Totentanzes verstanden wissen, so zwar, dass die andere Lesart „dürreBrüder" nur durch das Missverständnis eines späteren Uebermalers entstand (Nr. 4, S. 91). DieseVermutung wird aber durch die gemalten schwarzen Toten und die angegebenen Parallelstellen hin-fällig, wonach „mager, dürr, schwarz" in der That gleichwertige Merkmale der dargestellten Toten sind.Auch dachte Burckhardt bei seiner Bemerkung offenbar gar nicht daran, die schwarze Farbe derToten überhaupt zu leugnen, sondern suchte nur zu einem besonderen Zweck nach einem passendenHinweis auf die Dominikaner; den Ausdruck „schwarzer Mann" scheint er sogar selbst auf dieToten zu beziehen, ohne die Sache weiter zu verfolgen.
Goette, Holbeins Totentanz u. seine Vorbilder. 2