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Holbeins Totentanz und seine Vorbilder
Entstehung
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Merkmal, der Tanz, in den Texten spielt. Wären sie selbständigeDichtungen gewesen, so hätte er beschrieben oder wenigstens dort, woer eintritt, erwähnt werden müssen. Er wird aber nur ganz selten,gelegentlich genannt alsdieser", d. h. als ein gegenwärtiger, imSchauspiel und dann im Bilde sichtbarer Tanz, der deshalb einerErläuterung nicht bedurfte: die Totentanztexte sind ebendurchweg als Begleitungen von sichtbaren Dar-stellungen verfasst. Dies schliesst natürlich nicht aus, dasssie unter dem Einfluss von solchen alten Lehrgedichten entstandenwie die dem 12. Jahrhundert angehörendenVers sur la mort" vondem Klostergeistlichen Thibaud de Marly (Langlois I. 72) und dieebenso alten lateinischen Verse von Gautier de Mapes, worin ver-schiedene Personen über die Herrschaft und unerbittliche Gewaltdes Todes klagen (Jubinal, S. 8)*). Der Abstand zwischen solchenDichtungen und dem Bühnenspiel des Totentanzes ist aber so gross,dass es keinen rechten Sinn hat, die ersteren als dieAnfänge" desTotentanzes zu bezeichnen. Und dies um so weniger, als der Ge-danke des eigentlichen Totentanzes ebensowohl durch verschiedeneSitten und Gebräuche, dichterische und volkstümliche Auffassungendes Todes in Wort und Bild, Redewendungen und Legendenstoffedes Mittelalters vorbereitet und vorgebildet erscheint (Wackernagel)**).Aus den genannten Zeugnissen für die Existenz des französischenTotentanzschauspieles im 14. Jahrhundert geht hervor, dass es nochein gut Teil älter gewesen sein dürfte; denn in jener Zeit war esbereits so eingebürgert, dass es, wie wir sahen, in Gedichten citiertund in fremde Länder (Spanien) eingeführt wurde. Man wird daher

*) Auch in Deutschland kennt man eine ähnliche Dichtung aus dem 13. Jahrhundert: dasGespräch des Todes mit dem Menschen von Schmied Regenbogen.

**) Wir besitzen nicht das geringste sichere Zeugnis dafür, dass der Grundgedanke des mittel-alterlichen Totentanzes bis in das klassische Altertum zurückreicht. Alles, was gelegentlich zu Gunstendieser Ansicht vorgebracht wurde, hat schon Ellissen (No. 40) eingehend widerlegt. Daran wirdauch durch die jüngeren Entdeckungen bis zu dem aufsehenerregenden neuesten Fund einespompejanischen Bechers mit einemTotentanz" nichts geändert: überall handelt es sich nur umDarstellungen Verstorbener in Gestalt von mehr oder weniger vollkommenen Skeletten, deren Anblickan die Flüchtigkeit des Daseins erinnern und daher zum Lebensgenuss, solange es noch Zeit sei,anfeuern sollte, wie es Petronius imGastmahl des Trimalchio" erzählt (Woi.tmann, 78. I. S. 242).Zu einem solchen Zweck und zumal bei einem Gastmahl muss jener pompejanische Becher mit denSkeletten berühmter Verstorbener sich ganz besonders geeignet haben. Solche Vorstellungen lassensich aber mit der ältesten Version des mittelalterlichen Totentanzes unmittelbar gar nicht verknüpfen,so wenig als eine Kontinuität zwischen jenen Skelettbildern und den Totengestalten des Toten-tanzes besteht.