bekannten Gemälde zeigen, so wäre seine spätere Verwandlung ineinen fortlaufenden Dialog des einen Todes mit allen Lebendenganz unmotiviert und unwahrscheinlich. War aber das letztere, wiedanach anzunehmen ist, die ursprüngliche Form, so konnte sie nurin einer Dichtung entstanden sein und musste zur Veranschaulichungin einem Bilde in der angegebenen Weise umgearbeitet werden.
Wir besitzen aber noch evidentere Zeugnisse dafür, dass dieBilder eine spätere Form des Totentanzes sind. In Lübeck befindetsich nämlich ein Totentanzgemälde in der Form eines zusammen-hängenden Reigens, dessen ältester niederdeutscher Text dieselbeEinrichtung besass wie die Danca general; erst später wurde erdurch einen anderen, dem gemalten Reigen besser angepassten hoch-deutschen Text ersetzt. In diesem Fall kann vernünftigerweise nichtangenommen werden, dass der erste Text in Lübeck oder in demetwaigen auswärtigen Vorbilde seines Totentanzes absichtlich im Gegen-satz zum Bilde verfasst wurde; die einzig mögliche Auffassung istvielmehr nur die, dass seine uns niederdeutsch überlieferte Gestaltdie ursprüngliche war, die alsdann im Bilde die abweichende Reigen-form erhielt, weil eine andere gemalt nicht möglich war. Ganz ähnlichist es auch bei dem zweifellos älteren Totentanzgemälde in Parisgegangen. Dies ergiebt sich ganz klar aus dem ebenfalls von Seelmann(S. 23) hervorgehobenen Umstände, dass an einer Stelle des demBilde angepassten begleitenden Textes die alte Fassung aus Un-achtsamkeit stehen geblieben ist: der Tod des Karthäusers leitetnämlich seine Anrede an diesen seinen Partner mit einem Bescheidan den vorausgehenden Lebenden, den Kaufmann, ein, spricht alsoin derselben Strophe zwei Personen an. Und da sich dies, wie ichergänzend bemerken will, noch zweimal wiederholt, beim Franziskanerund beim Eremit, so kann es keinem Zweifel unterliegen, dass dieVorlage des Pariser Textes durchweg in jener Weise, d. h. über-einstimmend mit dem spanischen und dem Lübecker Text, verfasst war.Es steht also fest, dass der französische Totentanz, bevor ergemalt wurde, in einer Form existierte, die nur in einer Dichtungoder einem wirklichen Bühnenspiel möglich war und von allen späteren,den Bildern angepassten Texten abwich. Man kann ja diese ältesteForm im Hinblick auf die Handlung schlechtweg eine dramatischenennen; damit allein ist es aber noch nicht erhärtet, dass der ältestefranzösische Totentanztext thatsächlich zu einer scenischen Aufführung