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Wem Holbeins Bilder es bereits angethan haben, wird überdiese und ähnliche Fragen nicht achtlos hinweggehen; mit dem Ge-nuss des Beschauens steigert sich auch das Verlangen, dem Künstlerauf jedem Schritte nachzugehen, sich ganz in seine Anschauungenhineinzufinden. Diese lassen sich aber nicht unmittelbar enträtseln,weil sie nicht bloss der genialen Laune des Meisters entsprangen,sondern die reife Frucht jener älteren Vorstellungen dieser Art inden mittelalterlichen Totentänzen sind, die Holbein in seinem be-sonderen Sinn und für seine rein künstlerischen Zwecke verwertete.Ohne Kenntnis dieser älteren Totentänze ist daher ein volles Ver-ständnis seines ähnlichen Werkes unmöglich.
Indessen hätte mir als einfachem Liebhaber der Kunst die Aus-kunft genügen können, die sich in Woltmanns „Holbein und seineZeit" findet, wenn die in diesem Buch enthaltenen abfälligen Be-merkungen über Holbeins Totengestalten mich nicht stutzig gemachthätten. Ich glaubte zu erkennen, dass Holbeins so arg blossgestellteanatomische Kenntnisse doch nicht unerheblich diejenigen seinesBiographen und Kritikers übertrafen, und dass diesem nur die künst-lerische Verwertung dieser Kenntnisse durch Holbein entgangen war.Eine häufig wiederholte Prüfung der Bilder vermehrte auch nachanderen Richtungen das Verzeichnis der Beobachtungsfehler Wolt-manns und veranlasste mich, andere Quellen zu Rate zu ziehen. Ichfand aber nicht ganz, was ich suchte. Die verwandtschaftlichen Be-ziehungen der verschiedenen Totentänze haben sich im Verlauf derzahlreichen darauf gerichteten Untersuchungen allerdings ganz wesent-lich geklärt. Dies betraf aber hauptsächlich die Geschichte derDichtung, die mit den Bildern verbunden war oder neben ihnenherging; diese letzteren wurden eigentlich nur so weit berücksichtigt,als sie durch ihren formalen Inhalt jene Geschichte erläuterten, eineselbständige Würdigung erfuhren sie in der Regel nicht. Mit einemWort: die Geschichte des in den verschiedensten Kunstformen(Dichtung, Schauspiel, Bild, Skulptur) verwerteten Totentanzes isthauptsächlich im genealogischen Sinne ausgebaut; seine ästhetischeSeite, die freilich nur in den Bildern sich bis zum vollendeten Kunst-werk entwickelte, wurde wenig berührt, am wenigsten im geschicht-lichen Zusammenhang verfolgt. So kann es auch nicht wunder nehmen,dass man in jener Geschichte über Holbeins Totentanz, der sie docheigentlich abschliesst, kaum mehr erfährt als das allgemeine Lob,