gebar ein kleines Kind, das war eine Dirne. Sie ward, wie sie wuchs, vonTage zu Tage schöner, so daß sie ein jeder, der sie sah, von Herzen gerneleiden mochte. Den Tag aber vor ihrem fünfzehnten Geburtstage sagt sie aufeinmal zu ihrem Vater: »Morgen, Vater, muß ich sterben.« »Mein liebes Kind,«sagte der König, »sprich mir doch nicht von sterben.« »Doch Vater! Ichweiß gewiß, daß ich morgen sterben muß. Eins mußt du mir aber versprechen:daß mein Sarg in der Schloßkirche vor den Altar gestellt und ein ganzes Jahrlang jede Nacht Wache dabei gehalten wird. Wenn sich dann unter der WacheEiner findet, der nichts Schlechtes gethan hat, so kann der mich wieder erlösen.«Das mußte der König versprechen und ihr die Hand drauf geben.
Wie die Königstochter gesagt hatte, so kam es auch. Den andern Tag nahmsie noch von Vater und Mutter Abschied, legte sich und starb und ward dar-nach kohlschwarz. Der König ließ sie nun in ihrem Sarge in die Schloß-kirche vor den Altar stellen mit einer Wache dabei, wie die Prinzessin esverlangt hatte. Des Nachts, da die Glocke gerade Zwölf schlug, fuhr die Prin-zessin aus ihrem Sarge, packte die Wache, drehte ihr den Hals um und warfsie in ein finsteres Gewölbe, das da unter der Kirche war. Sobald aber dieGlocke Eins schlug, mußte sie wieder in ihren Sarg hinein. In der zweitenNacht ging es ebenso. Als die Glocke Zwölf schlug, fuhr die Königstochteraus ihrem Sarge, drehte der Wache den Hals um und warf sie in das Gewölbe,das unter der Kirche war. In jeder folgenden Nacht ging es ebenso; jedenMorgen war die Wache verschwunden und kein Mensch wußte, wo sie ge-blieben war. Nun wollte zuletzt keiner mehr bei der Königstochter wachen.Da ließ der König im ganzen Lande bekannt machen: wer seine Tochter er-lösen könnte, der sollte sie zur Frau haben und König werden.
Nun war da ein junger Schäfer mit gelben Haaren, der hieß Jakob, derreiste nach der Königsstadt und ließ sich anstellen als Wache bei dem Sargeder Prinzessin. In der ersten Nacht, da es kurz vor Zwölfe war und derSchäfer daran dachte, daß die andern Wachen alle so sonderbar verschwundenwaren, da ward er bange und wollte weglaufen. Da rief eine Stimme hinterihm her: »Jakob, geh nicht fort, du kannst mich erlösen, wenn du drei Nächtehintereinander an meinem Sarge wachst.« Da kehrte der Schäfer wieder umund versteckte sich unter den Sarg der Prinzessin. Als nun die Glocke Zwölfschlug, fuhr die Königstochter aus ihrem Sarge und suchte die ganze Kirchedurch; in dem Augenblick aber, wo sie an den Sarg kam und den Schäfereben fassen wollte, schlug die Glocke gerade Eins; da mußte sie wieder inihren Sarg hinein. In der zweiten Nacht, da es wieder bald Zwölfe war undder Schäfer daran dachte, daß es ihm auch ergehen könnte wie den andernWachen, da ward er bange und wollte weglaufen. Da rief eine Stimme hinterihm her: »Jakob, geh nicht fort; du kannst mich erlösen.« Als der Schäferdas hörte, kehrte er wieder um und versteckte sich in das Gewölbe, wo die