68Was die auffallende Erscheinung von Flagellan-ten, d. h. Geißlern, betrifft, so möge Einiges zumbesseren Verständniß derselben hier folgen. Der NameFlagellanten, Geißler, kommt her von dem lateini-schen Worte flagella, Geißel, mit welcher sie sichschlugen. Das erste Erscheinen solcher Flagellanten,die in größeren Zügen öffentlich herumzogen, wirduns schon aus dem 13., namentlich aber aus dem14. Jahrhunderte berichtet. Es waren gewöhnlichZeiten großer Noth und Drangsal, in welchen solcheFlagellantenzüge ſich zeigten, namentlich bei großerHungersnoth und Pest. Da nahmen Einige in guterAbsicht Wallfahrten vor und verbanden damit Buß-übungen, Fasten, und Züchtigung des Leibes durchGeißelungen, die sie öffentlich vollzogen, indem sieunterdessen beteten und sangen, und Gott anriefen,er möge sich erbarmungsvoll der sündigen Menschheitannehmen und das Strafgericht abwenden. Da dasBewußtsein eigener Schuld und Sündhaftigkeit zurZeit großer Noth und Bedrängniß den Menschendeutlicher zur Erkenntniß kommt, und die allgemeinenDrangsalen sich manchmal deutlich als StrafgerichteGottes für überhandnehmende Lasterhaftigkeit erwiesen,so zog das Beispiel einiger solcher Büßer gewöhnlichViele an, so daß die anfangs kleine Zahl von Fla-gellanten zu einer großen Schaar von mehreren Hun-dert anwuchs. Diese bildeten dann einen Geißler-Verein, in welchem anfangs sehr strenge Zucht undOrdnung herrschte. Der erste derartige Verein bil-dete sich 1260 in Perugia in Italien, wo damalsvielfach in Folge des guelfisch=gibellinischen KampfesUnfriede, Feindschaft und Lasterhaftigkeit überhandgenommen hatte. Die von Sünde und Elend beäng-stigten Gemüther rangen nach Sühnung, und griffenzu dieſem außerordentlichen Mittel, ſich der Züchti-gung des Leibes bis auf's Blut öffentlich zu unter-
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