Druckschrift 
Unsere armen Wandernden und wie sie unterstützt werden
Entstehung
Seite
11
Einzelbild herunterladen
 

- 11 -

völkerungskreise darf kein ernsthafter Mensch dem Stationswesenoder den Wanderarbeitsstätten zustimmen.

Und ähnlich müsste es mit den Arbeiterkolonien geschehen.Wir haben jetzt in Deutschland mehr denn 30, mit etwa 4000Plätzen. Sie entstanden bald nach der Gründung des Stations-wesens. Ihr eigentlicher Gründer ist der Pastor von Bodel-schwingh in Westfalen. Dessen Anstalten wurden stark vonWanderarmen heimgesucht. Da baten ihn einige nicht um Al-mosen, sondern um Arbeit. Er versuchte ihnen solche zu be-schaffen. Und nach einigen Versuchen errichtete er in der west-fälischen Senne die erste Arbeiterkolonie. Diese Anstalten verfol-gen den Zweck, heruntergekommene Wanderer aus dem Schlimm-sten herauszubringen, sie wieder arbeitsfähig zu machen und siesich wieder eine brauchbare Kleidung verdienen zu lassen. Zwarwird als Norm die militärische Verpflegung angegeben. Doch istdie Verpflegung meist unter dieser Norm. Die gelieferten Hülsen-früchte und die vielen Suppen dürften nicht geeignet sein, eine be-sondere Arbeitsfähigkeit der stark geschwächten Wanderer zu er-zielen besonders, wenn diese Wanderer aus Bureau- oder Werk-stattberufen stammen. Der Eintritt und Austritt ist freiwillig;aber das Leben in den Kolonien ist ein so abgeschlossenes, wie iches am eigenen Leibe erfahren und auch durch Studium ermittelthabe, dass es meiner Ueberzeugung nach durchaus nicht immerdie gewünschten Wirkungen haben kann, sondern dass es in vielenFällen ganz natürlich ist, wenn viele Kolonisten nach ihrer Ent-lassung sofort wieder dem Schnapsteufel verfallen Immerhinbieten die Kolonien manches Gute: Adele Wanderer finden dorteine letzte Zufluchtsstätte und von dort aus auch wieder Arbeitund Freiheit. Sollten die Kolonien aber eine Zukunft haben, somüssten sie stark verbessert werden. Jetzt haften ihnen vieleMängel an. Vor allem müssten sie ihr Menschenmaterial gründ-licher klassifizieren. Keine Gruppe bedarf grösserer Klassifizierung,als die Wanderer; da sind Trinker neben harmlosen Nüchternen,Spitzbuben neben jungen Handwerksburschen, alte Stromer nebenehrlichen Fabrikarbeitern etc. Die ganze Organisation bedarfgründlichster Reformierung. Aerzte sollten an Stelle der Pastorendiese Anstalten leiten, die Arbeitsunfähige heilen sollen. Wenndie Arbeiterkolonien auch meist von sogenannten Provinzialvereinenzur Bekämpfung des Vagabundentums gegründet worden sind, sowerden sie doch tatsächlich von den Behörden, von den Regierungs-bezirken und Provinziallandtagen erhalten, die fast immer grössereZuschüsse geben und die fast stets indirekt die ganze Verwaltungleiten. Auch hier muss ich wieder auf mein BuchDie Bekämpfungder Landstreicherei" verweisen-, das die Absichten, Einrichtungenund das Geschäftsgebahren der Arbeiterkolonien gründlich undausführlich darstellt und kritisch würdigt und besonders auf dasMenschenmaterial näher eingeht.

Durch den Zusammenhang mit grösseren Verbänden konnten