57Melodie: „Weil ich Jesu Schäflein bin“, die ermuthigendeKampf=Melodie: „Ringe recht, wenn Gottes Gnade“, die ernst-gewaltige Charfreitags=Weise: „O Welt sieh hier dein Leben“in d-moll, das ergreifende, in vielen Gegenden zum stehendenGrabesliede gewordene: „Wer weiß, wie nahe mir mein Ende!“die zarte, wechselvolle Melodie der Brüdergemeinde: „Herr undAeltster deiner Kreuzgemeinde“, nach welcher wir das schönePassionslied von Zinzendorf: „Marter Christi“ und das innigeConfirmationslied von Albert Knapp: „Eines wünsch' ich mirvor allem Andern“ singen; die namentlich chythmisch sehr lebhafteund freudige Melodie zu Hiller's Triumphlied: „Jesus Christusherrscht als König“, die fast wie ein Volkslied klingende, aberfeurig=innige Melodie zu Fricker's Pfingstliede: „O daß dochbald dein Feuer brännte“ und vielleicht noch das inbrünstigeLied: „Heil'ge Liebe, Himmelsflamme“, von dem Beides, Ver-fasser und Componist, unbekannt geblieben.Es ist wahr: diese Melodieen sind ein sehr geringer Theilgegenüber dem großen Schatze der alten Lieder; sie stehen auch aninnerem Werthe und Bedeutung für unsere Erbauung weit hinterjenen mächtigen Liedern des Mittelalters und der Reformationzurück und erinnern an das Verhältniß unserer modernen, auchder schönsten Kirchen zu den ehrwürdigen Domen früherer Jahr-hunderte. Zum Theil mag diese Erscheinung sich dadurch erklären,daß sich die Gemeinden gewaltig gegen jede Neuerung in kirchlichenDingen und namentlich im Cultus sträuben. Aber der tiefereGrund liegt wohl einmal darin, daß nur geschichtlich hoch hervor-ragende Zeiten auch große Dichter und Componisten hervorbringen.Und der andere Grund ist eben das Eindringen des Unglaubensund Halbglaubens in's Heiligthum der Kirche. „Wenn etwas dieLeute aus der Kirche vertrieben hat“, sagt Jemand mit Recht, „soist es die kalte Vernunftreligion und schale Moral für lebendigesChristenthum, so ist es die Entfernung der Lehrvorträge von demeigenthümlich christlichen Gebiete, das Moralisiren, das wohl Licht,aber keine Wärme, kein Leben, keine Liebe gibt.“ Unter dem Druckdieser Verflachung konnte Lied und Choral nur kümmerlich gedeihen;sie waren nicht mehr ein Produkt des herrschenden Volksgeistessondern der Dichter und Musiker von Fach, und wenn auch als
Druckschrift
Unsere Choräle : eine Festschrift zur Gedächtnissfeier des hundertjähringen Geburtstages ... B. C. L. Natorp
Entstehung
Seite
57
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten