55dessen Lieder durch edle Volksmäßigkeit, sanfte Wärme, Würde undKraft sich die allgemeinste Anerkennung verschafften; — der Andere:Klopstock, dessen Lieder durch hohe Begeisterung, gewaltigen Auf-schwung der Gedanken, lebhafteste Andacht und Innigkeit desGefühls namentlich den gebildeten Kreisen Nahrung boten. AnGellert schlossen sich u. A.: Chr. F. Neander, Schlegel undHippel, an Klopstock: Cramer, Ramler, Schubart, auchLavater an. Gervinus hat zwar Recht, wenn er von diesenDichtern sagt: „ihr Glaube war nicht mehr ein unangefochtenerBesitz, sondern ein angegriffenes Eigenthum, das aus Ueberzeugungs-gründen vertheidigt werden muß.“ Es war die Zeit, in der einHardenberg (Novalis) sang: „Wenn Alle untreu werden, so bleibich dir doch treu“, und es bedurfte erst jener gewaltigen Heim-suchungen der Napoleonischen Zeit, um wieder ein tieferes Glaubens-leben und damit den Geist ächter christlicher Poesie zu weckenDoch werden solche Lieder wie das Gellert'sche: „Auf Gott undnicht auf meinen Rath will ich mein Glück stets bauen“sein festliches Weihnachtslied: „Dies ist der Tag, den Gottgemacht“, sein kräftiges Himmelfahrtslied: „Erinnere dich, meinGeist, erfreut“, sein inniges, hoffnungsfrohes Osterlied: „Jesuslebt, mit ihm auch ich“, sein vielgesungenes Morgenlied: „Meinerst' Gefühl sei Preis und Dank“ u. a. auch in den ge-sichtetsten Sammlungen nicht fehlen dürfen. Auch ChristophFriedrich Neander's Lieder: „Am Kreuz erblaßt“ und „Wiegetrost und heiter“ und Samuel Gottlieb Bürde's Pfingst-lied: „Geist der Wahrheit, lehre mich!“ sind werthvolleBlüthen dieser Periode. Und wenn auch Klopstock's Lieder imAllgemeinen für das kirchliche Gemeindebewußtsein zu überschwänglicherscheinen, so werden doch Lieder wie das bekannte tiefempfundene„Aufersteh'n, ja, aufersteh'n“, oder das christliche Streiterlied-„Ihr Mitgenossen, auf zum Streit“ und das schöne Grablied:„Hallelujah! Amen, Amen“, edle Perlen des Kirchengesangesfür alle Zeiten bleiben. Auch das Lied Schubart's: „Alles isteuer, o Wort des ewigen Lebens!“ ist zwar zu verstandesmäßig.aber schwunghaft gehalten; das Ewigkeits=Lied des Oberconsistorial-raths Dr. J. Tim. Hermes: „Ich hab' von ferne, Herr,deinen Thron erblickt“, von hoher poetischer Schönheit und
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Unsere Choräle : eine Festschrift zur Gedächtnissfeier des hundertjähringen Geburtstages ... B. C. L. Natorp
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