Druckschrift 
Unsere Choräle : eine Festschrift zur Gedächtnissfeier des hundertjähringen Geburtstages ... B. C. L. Natorp
Entstehung
Seite
42
Einzelbild herunterladen
 

42zu Paul Gerhard's:Warum sollt' ich mich denn grämen?Den rechtenAntimelancholikus (Trauerbrecher) nannteein Kritiker dieses Lied, und so klassisch ist Inhalt und Melodie,daß sich an jeden Vers eine Fülle geschichtlich merkwürdigerErinnerungen knüpft. Von dem ebenfalls in Berlin lebendenmusicus instrumentalis Jakob Hintze rührt die gediegene, ernsteMelodie zu dem Liede des Albinus:Alle Menschen müssensterben! von Joh. Flitner zu Grimmen in Pommern dasLied und die Melodie:Ach was soll ich Sünder machen?nach welcher wir z. B. das Lied singen:Herr, wann wirst duZion bauen?Sachsen und Thüringen sind ebenfalls höchst würdig inder Choral=Literatur des 17. Jahrhunderts vertreten. Hier wirkte(zuletzt in Dresden) der größte deutsche Tonmeister seiner Zeit:Heinrich Schütz, dessen so originellePassion in neuesterZeit so vielfach von kirchlichen Gesangvereinen gesungen wird undder u. A. 92 Psalm=Melodien verfaßte; hier Johann HermannSchein, Cantor der Thomasschule zu Leipzig, von dem u. A. diein bangen Seufzern hingehauchte Melodie zu dem Liede von Rutitius:Ach Gott und Herr, und die zu den werthvollsten Chorälerzählende Melodie:Mach's mit mir, Gott, nach deiner Gütherstammen. Wir singen nach der letzteren namentlich das frischeLied von Angelus:Mir nach! spricht Christus unser Held!Johann Ulich, Cantor zu Wittenberg, verfaßte zu Keymann'slieblichem, reich gesegneten Liede:Meinen Jesum laß ich nicht!die eben so innige Melodie, in vielen Gemeinden noch heute einstehendes Abendmahlslied. Georg Neumark, 1681 alsBibliothekar zu Weimar, hat u. A. das allbekannte:Wer nurden lieben Gott läßt walten gedichtet und componirt, undwer könnte den Ursprung dieses Liedes ohne Rührung vernehmen?Neumark war nämlich in seinen jüngeren Jahren während seinesAufenthaltes in Hamburg in so große Armuth gerathen, daß erzuletzt sein Lieblingsinstrument, die Viola da Gamba verpfändenmußte. Endlich wurde ihm die so lange ersehnte Anstellung; erkonnte seine Viola wieder einlösen. Da dichtete und spielte erunter vielen Dankesthränen das genannte Lied.