Druckschrift 
Unsere Choräle : eine Festschrift zur Gedächtnissfeier des hundertjähringen Geburtstages ... B. C. L. Natorp
Entstehung
Seite
34
Einzelbild herunterladen
 

34allen größeren Städten damals blühenden Gesangvereine be-mächtigten sich freudig dieser neuen Schöpfungen und erfreutendurch ihren Vortrag in der Kirche wie auf offenem Markte dasevangelische Volk, und diesem Zusammenwirken von Kirche undKunst, dieser innigen Verschmelzung von Religion und Volks-thum verdankt die Reformation nicht nur manchen herrlichenSieg des Glaubens, ſondern auch ſo herrliche Tonſchöpfungen wiedie eines Orlando, Senfl, Eccard, Schütz u. A., deren Ver-dienste erst in neuerer Zeit und wieder durch ähnliche Gesangvereine zur Würdigung in größeren Kreisen gebracht worden.Gehen wir nunmehr zum 17. Jahrhundert über, so tritt unswas die Composition der Choral=Melodieen betrifft, ein be-deutender Fortschritt gegen die bisherige Entwicklung entgegen.Wir sahen, wie in dem Reformations=Zeitalter nur wenige neueMelodieen entstanden; man nahm meist die vorhandenen lateinischenWeisen, die Sequenzen und Prosen oder auch weltliche Melodieenherüber, und die Production der Tonsetzer beschränkte sich dannauf die Harmonisirung. Hierin wurde freilich Bedeutendes geleistet,und Luther äußert einmal seinen lebhaften Beifall über solchenharmonisirten Gesang, bei welchemEiner eine schlechte Weise oderTenor (Stimmführer) hersinget, neben welcher drei, vier oder fünfStimmen noch gesungen werden, die um solche schlechte einfältigeWeise oder Tenor gleich als mit Jauchzen ringsherum herspielenund springen und mit mancherlei Art und Klang dieselbige Weisewunderbarlich zieren und schmücken, und gleichwie einen himmlischenTanzreyen führen, freundlich einander begegnen und sich gleichhertzen und lieblich umfangen 2c. Allmälig aber fühlte man dasBedürfniß, den so figurirten Choralstyl auf den einfachen zu be-schränken, damit, wie der Tonsetzer Osiander sagt, eine christlicheGemeinde durchaus mitsingen könne. Diesen Grundsatz be-folgte auch noch das im Jahre 1604 erschienene erste bedeutendederartigeMelodeyen=Gesangbuch des Hamburger OrganistenHieronymus Prätorius, dessen Vorredner sich zwar noch dahinvernehmen läßt, es sei sehr anmuthig und klinge lieblich,wennsolche christliche Gesänge entweder die liebe Jugend auf dem Choreher quinkeliret, oder auch der Organist auf der Orgel künstlichspielet, oder sie beide ein Chor machen und die Knaben in die Orgel