30Lieder vorhanden, während später aus ihr mehrere sehr bedeutendeDichter und Componisten hervorgingen.Eine große Bedeutung für die Geschichte des Chorals hattedie gesangreiche Gemeinde der böhmisch=mährischen Brüder.Zwar trugen ihre Lieder und Melodieen schon damals jenen eigen-thümlich weichen, weiblichen Charakter, der in späteren Erzeugnissender Brüdergemeinde geradezu in's Sentimentale und Spielendeausartete. Doch rühmt Herder mit Recht die hohe Einfalt, An-dacht und Innigkeit ihrer Gesänge, und „daß in ihnen etwas liegedas wir wohl lassen müssen, weil wir es nicht haben“, und derUmstand, daß schon im Jahre 1531 ein Cantional von Michael Weyßmit 130 Liedern und 111 Sangweisen erschien, beweist die außer-ordentliche hymnologische Fruchtbarkeit dieser frommen Märtyrerkirche.Darum trug auch Luther kein Bedenken, 13 Melodieen diesesGesangbuches dem Bapst'schen einzuverleiben, wie umgekehrt dieböhmischen Brüder viele Luther'sche Lieder übernahmen. Wie ernstund würdig ist der dem Mich. Weyß zugeschriebene Grabgesang:„Nun laßt uns den Leib begraben“, und wie tragisch=festlichdie von ihm zunächst bearbeitete Melodie: „Christus, der unsselig macht“, nach welcher das oben erwähnte Passionslied:„Jesu, deine Passion“ gesungen wird. Man braucht nur wenigedieser Melodieen zu kennen, um zu begreifen, daß schon allein durchdiese Lieder und Melodieen das evangelische Christenthum in jenenösterreichischen Gebirgsländern trotz blutiger Verfolgungen unvergänglich in Herz und Haus fortlebte und auf seinen scheinbarenUntergang die liebliche Auferstehung in der Herrnhuter=Kircheerfolgte.Um uns aber den ganzen Liederreichthum zu vergegenwärtigenwomit Gott jene Tage herrlichsten Aufschwungs des christlichenLebens segnete, sei hier noch an einige Melodieen erinnert, diedamals wie nebenher entstanden. Da tönt uns das feierlich=zarte„Christe, du Lamm Gottes“, in seiner dreimaligen Wieder-holung und mit dem langgedehnten, brünstig nach Erhörung sichsehnenden Schluß=Amen, eine wahre Passions= und Communions-Rose, entgegen; (das Lied erschien 1545) — da die frische, volksthümliche Melodie zu dem in christlichen Vereinen so gern gesungeneLied: „Jesus Christus herrscht als König“, nach dem Lauda
Druckschrift
Unsere Choräle : eine Festschrift zur Gedächtnissfeier des hundertjähringen Geburtstages ... B. C. L. Natorp
Entstehung
Seite
30
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten