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2 (1914) Von der Renaissance in Frankreich bis zur Gegenwart
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Die Gartenkunst und die Ästhetik

U.KAP.

Gipfel der Zivilisation ist, nicht verwundern. Er selbst hat in dem Parke seines Stamm-schlosses Beloil im Hennegau in Belgien ein Tatarendorf anlegen lassen, wo alle ur-sprünglichste Natur des Schäferdaseins sich mit vollendetster Schönheit verbinden soll,die jungen Stiere ebenso wie die jungen Zöglinge der Meierei. Nach getaner Arbeit spie-len diese auf Instrumenten, die der Prinz samt seinen Kühen aus den Alpen eingeführthat. Sie tragen eine Uniform, würdig der Schönheit und Einfachheit der Natur, derenOberpriester sie sind. In diesem Tatarendorf sind die Milchkammern in einer Moscheeverborgen, deren Minarets man als Taubenschläge benutzt 40a . Doch dem Zauber einersolcheneinheitlichen Idee", wie sie der Hohenheimer Park ausdrückt, unterlagen da-mals noch andere Männer als der Prince de Ligne. Selbst vor den Augen Schillers, der sichin dem Taschenkalender von 1795 zur Gartenfrage vernehmen läßt, findet sie Gnade.Während er zuerst ebenfalls die Überhäufung mit Szenen im Garten der Zeit strengtadelt,wo die ganze Mannigfaltigkeit ihrer Erscheinungen (der Natur) wie auf einerMusterkarte vorliegt", während er es für einen Fehler hält, wenn die Gartenkunst sichdie Malerei als Vorbild nimmt, da ihr der verjüngte Maßstab fehlt begrüßt er die Ideedieses Gartens mit Freuden. Obwohl er eine Empfindsamkeit für affektiert hält,welcheSittensprüche an klein enTäf eichen an die Bäume hängt", hilft er sich hier damit, daßdieNatur, die wir in dieser englischen Anlage finden, diejenige nicht mehr ist, von der wirausgegangen waren. Es ist eine mit Geist beseelte, durch Kunst exaltierte Natur, dienun nicht bloß den einfachen, sondern den selbst durch Kultur verwöhnten Menschenbefriedigt, und indem sie den ersten zum Denken reizt, den letzteren zur Empfindungzurückführt" 41 . Diese ganze Ausführung wenn man selbst ein gewisses lokales Inter-esse abzieht, da Schiller ja im väterlichen Hause gärtnerische Anregung erhalten hatzeigt deutlich die allgemeine Unsicherheit der neu aufgenommenen Kunst gegenüber.Man empfand nur zu sehr, daß man auch auf diesem Gebiete, wo die Natur selbst die Mittelder Darstellung liefern sollte, mit einer einfachen Nachahmung der Natur niemalseinen Kunststil erreichen konnte. Goethe allerdings fühlte sich bei seinem Besuch aufder Schweizerreise 1797 höchst unbehaglich in diesem Garten:viele kleine Dinge zu-sammen machen leider noch kein Großes", faßt er seinen Eindruck zusammen. Er willsich den Garten als ein Beispiel vormerken für eine künftige Abhandlung über die Gärten,zu der er in der Tat viel gesammelt hat.

'Unsicher schwankten auch die Ästhetiker hin und her. Der Gartenkunst eine eigeneStellung unter den Künsten einzuräumen, wie es ein Lafontaine getan, dazu konnteman sich augenscheinlich nicht entschließen, und doch durfte von der zweiten Hälftedes XVIII. Jahrhunderts ab kein Ästhetiker an ihr vorübergehen, zu stark war siein den Vordergrund des Interesses gerückt.In der Natur Harmonie und Disharmonieunterscheiden, den Charakter jeder Gegend kennen und gebrauchen lernen, mit demregen Triebe das Schöne der Natur allenthalben zu erhöhen, zu versammeln, wäre dieskeine schöne Kunst, so gäbe es keine", ruft Herder im zweiten Stück derKalligone"aus; er will diemitgeborene Schwester" der Architektur zugesellen, ohne sie dochetwa deren Gesetzen zu unterwerfen. Daß er sich darin in Gegensatz zu Sulzer, Hirsch-feld und anderen setzt, die sie der Malerei zuordnen, wurde schon erwähnt. AuchKant und seine Schule sehen in der Gartenkunst einen Teil der Malerei 413 . Wenn dasauch nur eine äußere Zuteilung ist, so war auch sie begründet in dem tastenden Suchen,eine wirklich feste Richtung für die Entwicklung zu finden.