400 Roßwalde — Hohenheim 15. KAP.
r"
JHirschfeld hat auch, wie fast alle Theoretiker des neuen Stiles, gegen die Überhäufungmit Gebäuden undbesonders gegen das Zusammenbringen verschiedener Stilarten geeifert,so viel er konnte. Solange aber diese selben Theoretiker mit eben dem Eifer nach Ab-wechslung und Kontrast riefen, so lange mußten die bedrängten praktischen Künstlernach dem Hilfsmittel der Gartengebäude greifen. Wilde Zügellosigkeit des Geschmackesund eine verschwenderische Neigung, jeden Gedanken auszuführen, brachten dann wohlein solches Monstrum zustande, wie jener Garten zu Roßwalde bei Troppau in Schle-sien, den der wunderliche Kauz, der Graf Hoditz, anlegen ließ, dessen letzte in Armutverbrachte Tage sein Gönner und Freund Friedrich der Große schützte. Dort war allesangehäuft, was man sich nur im Laufe der Jahrhunderte an Gartenszenen ausgedachthatte. Neben einem chinesischen Garten und Tempel lag das Heilige Grab, auf christlicheEinsiedeleien folgten indische Pagoden, hier ein künstliches Bergwerk, dort eine Zwer-genstadt mit königlichem Palast, Kirche usw., in Ermangelung von Zwergen ließ sie derGraf zeitweilig von Kindern bewohnen. Weiter folgten Druidenhöhlen mit Altären, dannein antikes Mausoleum, in dem Totenopfer dargebracht wurden. Es war eine Haupt-freude des Grafen, in allen Teilen seines Gartens die ihnen entsprechenden Feste zufeiern: bald chinesische, bald solche der amerikanischen Wilden, bald gab es Spiel derMeergötter und Najaden auf dem Wasser, am liebsten aber ließ er in seinem ArkadienFeste feiern, wo er seine Bauern zu Schäfern verkleidete. Aber man nahm ihn ernst.Friedrich der Große ließ sich dadurch sogar zu einer bewundernden poetischen Epistelbegeistern. Die Neigung der Zeit zur äußerlichen und innerlichen Maskerade, die — diesmuß immer betont werden — mit den eigentlichen Grundsätzen des neuen Gartenstilsgar nichts zu tun hatte, schien ihn zeitweilig so überwuchern zu wollen, daß man seinursprüngliches Bild oft nicht mehr erkennen konnte.
Was Graf Hoditz hier nach der Seite sinnloser Zusammenhäufung unzusammen-gehöriger Szenen verbrach, sündigte nach einer anderen ein damals vielberühmterGarten in Hohenheim, zwei Stunden von Stuttgart: hier war dem ganzen Garten eineeinheitliche Idee zugrunde gelegt. Der Erbauer hatte beabsichtigt, eine Kolonie abzu-bilden, die sich in die Trümmer einer römischen Stadt angesiedelt hat (Abb. 602). Mit Be-wunderung schildern zeitgenössische Stimmen den Eindruck. „Wir nehmen lebhaftenAnteil an diesen Wohnplätzen, die wir bewohnt glauben, und staunen zugleich die Über-bleibsel schöner Tempel und fester Mauern an, die so dastehen, als hätten sie sich schonJahrhunderte durch der Vergänglichkeit entzogen . . . Wer nur durch den Garten gehtum des Anschauens willen, kann wegen der Fülle der Gebäude gar keinen Eindruckhaben. Ganz anders ist es für den Genießenden, der sich Partien heraushebt und da ver-weilt, wo er für eine gegenwärtige Stimmung Nahrung findet . . . Bald findet er hiereine Lage für das süße Nichtstun geschaffen, bald eine andere, die durch das Geprägewohltätiger Einfalt hohen Frieden in seine Seele trägt" 40 . Doch damit noch nicht genugder Täuschung! Wenn man in eine einfache Hütte eintrat, so wartete erst die letzte Über-raschung, in ihrem Innern fandman prächtig ausgestattete Fürstenzimmer, Badekabinettsmit Seidentapeten, schönen Gemälden und anderes. Sechzig verschiedene Bilder zähltder Prince de Ligne auf dem verhältnismäßig kleinen Räume von 60—70 Morgen, in demman aber 4—5 Stunden umhergehen könne. Was ist das gegen die fünf Akte des Wör-litzer Gartens! Daß der Prinz Freude an diesen Gärten hatte, kann bei seinem beweg-lichen, immer von den Wogen der Zeit getragenen Geiste, für den ,,le dernier cri" der