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Wörlitz
15. KAP.
Kieler Phüosophieprofessors Christian Hirschfeld. Schon 1773 schrieb dieser seine ersteSchrift „Anmerkungen über die Gartenkunst", der zwei Jahre später eine kurze Theorieder Gartenkunst folgte, bis dann von 1779 an sein großes fünfbändiges Werk „Geschichteund Theorie der Gartenkunst" herauszukommen begann. Hirschfeld schrieb für Deutsch-land in einem günstigen Augenblick. Ihm lag in England nicht nur eine große Literaturvor, sondern schon eine-lange Entwicklung und eine bedeutende Reihe von Vorbildern.Er hatte sich ganz mit den Ideen des neuen Stils durchdrungen, fühlte sich als Vertreterdes guten Geschmacks und als Vorkämpfer in seinem Vaterlande. So fachte er, wieGoethe sagt, mit seinem Feuer die Begeisterung, den Wetteifer, auf das höchste an 32 .In seinen fünf Bänden will er das ganze Gartenwesen theoretisch, künstlerisch und histo-risch umfassen. Den Künstler, den Liebhaber, den Gärtner sucht er durch Fülle vonBeispielen, durch Behandlung aller einzelnen Gegenstände der Gartenkunst, durch Kri-tik und Belehrung anzufeuern. Die wertvollste Gabe sind eine Reihe vorbildlicher Gar-tenschilderungen englischer, französischer und deutscher Gärten.
Walpole hatte noch hochmütig gemeint, er glaube nicht, daß auf dem Kontinent dieneue Gartenkunst großen Anklang finden würde, höchstens „die kleinen deutschen Für-sten, die so verschwenderisch ihre Paläste und Landhäuser ausstatteten, könnten unsereNachahmer sein" 321 . Als Walpole seinen Essay veröffentlichte, war seine Prophezeiungschon zur Wirklichkeit geworden. Die deutschen Fürsten, die noch eben mit solcher Frischeund immer neuen Laune die Gärten in französischem Geschmack geschaffen, waren be-weglich genug, oft noch in nächster Nähe nebeneinander, sich der neuen von England kom-menden Botschaft zuzuwenden. In den Jahren 1769—73 erbaute sich der Herzog Franz vonDessau einen Sommersitz bei seiner Residenz in Wörlitz (Abb. 595). Goethe datiert dieseAnlage in „Dichtung und Wahrheit" vor Winckelmanns Tod 1768 zurück. Es lag ihmdaran, den verehrten Fürsten zugleich durch die bewundernde Freundschaft Winckel-manns und die Anlage eines damals einzigen Parkes herauszuheben. Aber Wörlitz ist injedem Falle eines der ersten, allgemein angestaunten Beispiele der neuen Kunst gewesen.Der Fürst fand hier einen schönen, schon an sich reich gestalteten See vor, dessen Buch-ten er vermehrte und durch Kanäle mit kleineren Wasserstücken vereinigte. Dadurchbildeten sich größere, rings von Wasser umflossene Gartenstücke, die er jedes für sichzu einem geschlossenen Bilde, mit einem oder mehreren Gebäuden als Staffage, anlegte.Dadurch erreichte der Fürst die erste Grundforderung, Abwechslung und Kontrast .'DerPrince de Ligne, der eine seiner geistreich zugespitzten und doch wortreichen Schilde-rungen über Wörlitz verfaßt hat 32b , will die ganze Anlage in fünf Gesänge mit siebenverschiedenen Episoden einteilen oder in fünf Akte mit sieben Szenen. Der erste, vomSchlosse nordwestlich gelegene Inselgarten, „Champs Elysees" von de Ligne genannt,wurde als verschwiegener Wintergarten, mit immergrünem Heckenwall umgeben, ange-legt. In seinem Innern ist er durch vielverschlungene, teils höhlenartige Gänge zu einemLabyrinth, einem Irrgarten gestaltet und mit Büsten Lavaters und Gellerts geschmückt.Nach einer Seite öffnet sich dieser Garten auf den breiten See, den ein paar kleine Inselnschmücken, unter denen die eine der Rousseauinsel in Ermenonville nachgebildet ist undauch ihren Namen trägt. Jenseits des breitesten Seebeckens, als Hauptbild der Schloß-aussicht, liegt der Garten des gotischen Hauses, das aus einer kleinen Gärtnerwohnungsich zu dem heutigen Kunstsammlungsgebäude allmählich erweitert hat (Abb. 596).Sehr weise hat der Fürst immer die nächste Umgebung seiner zahlreichen Gebäude im