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2 (1914) Von der Renaissance in Frankreich bis zur Gegenwart
Entstehung
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Marly-lc-Roi

12. KAP.

von 1734 heißt es: ,,Eremitage, Einsiedelei, ein niedriges, im Schatten, in einem Buschoder Garten gelegenes Lustgebäude, mit rauhen Steinen, schlechtem Holzwerk, Moosoder Baumrinden inwendig bekleidet und gleichsam wie wild zugerichtet, daß mandarinnen der Einsamkeit pflegen und frische Luft schöpfen möge. Es wird auch sonstTrianon genannt." Ein solcher Bau hat sich von dem zierlichen Porzellan-Trianonä la chinoise schon in eine neue Welt entfernt. Ludwig selbst hatte in Trianon inder Tat eine Art von Einsamkeit gesucht; oft fuhr er am Nachmittag in seinerPrachtgaleere auf dem Kanal dorthin, von wo er rückschauend das großartige Ge-samtbild seines Gartens und der Residenz genoß. Bald aber fühlte er, daß er dem Pomp,dem er entfliehen wollte, noch zu nahe war, er suchte etwas, was dem Schlosse undseinem Zeremoniell, das er selbst geschaffen hatte und das ihn doch beschränkte, ganzferne lag.

Saint-Simon schildert die Entstehung von Marly in seinen Memoiren:Ludwig XIV.,endlich müde aller Schönheit und der Höflingsschar, überredete sich, daß er von Zeit zuZeit das Kleine und die Einsamkeit verlange. Er suchte rings um Versailles, wie er diesenneuen Geschmack befriedigen könne, und besichtigte mehrere Orte, er durchforschte dielieblichen Seineufer ... Er fand endlich hinter Louveciennes ein enges Tal, unzugänglichdurch Sümpfe, ohne Aussicht, von allen Seiten durch Hügel eingeschlossen, sehr eng,mit einem elenden Dorfe am Abhang eines der Hügel, das sich Marly nannte. Die Eremi-tage wurde erbaut. Nur drei Nächte wollte man dort zubringen, vom Mittwoch bisSamstag, zwei- oder dreimal im Jahr, mit einem Dutzend Höflingen für den notwendig-sten Dienst. Was aber ist daraus geworden", fährt er fort.Die Eremitage wurde er-weitert, Gebäude auf Gebäude entstand, Hügel wurden abgetragen, Wasserwerke undGärten angelegt (Abb. 418). Es will wenig sagen, daß Versailles, so wie wir es sahen,Marly nicht gekostet hat . . . Das war des Königs schlechter Geschmack in allen Dingenund sein prächtiges Vergnügen, die Natur zu zwingen, das weder der drückendste Kriegnoch die Frömmigkeit vernichten konnte" 26 . Saint-Simon liebt den König nicht, er istüber seinen Geschmack hinausgewachsen und weiß alle Werke des grand siecle mitbeißendem Spott zu übergießen. Die Schöpfungen aber, die in den Jahren von 1677 bis1684 in diesem sumpfigen Waldtale entstanden und die bis auf wenige kaum sicht-bare Spuren der Revolution zum Opfer gefallen sind, gehören dennoch zu den voll-endetsten, die dieses Jahrhundert hervorgebracht hat 27 .

Eine Eremitage hatte der König sich erbauen wollen. In seinem Sinne dachte er hieran etwas Ähnliches, wie es in der Verschwiegenheit des Parkes von Gaillon in demweißen Hause geschaffen war. Auch als Marly schon zu dem ausgewachsen war, wases in seiner Vollendung zeigte, prätendierte der König, an der Türe von Marly seineMajestät abzulegen, allerdings nur, um statt der in Versailles zurückgelassenen Etiketteeine neue, ganz für dieses buen retiro geschaffene, einzusetzen. Freilich, eine Natur wiedie Pfalzgräfin Lieselotte, die niemals dies Gemisch von Pomp und Leichtigkeit, vonStrenge der Etikette und brennender Sucht nach Veränderung, das bewußte Schau-spiel, das man aus dem Leben formte, das man daher auch leicht auf anderer Bühnemit veränderten Sitten zu spielen vermochte, mitgemacht hatte, war entsetzt überdie Formlosigkeit, die in Marly herrschte.Man weiß nicht mehr, wer man ist. Gehtder König spazieren, so bedeckt sich jedermann; geht die Herzogin von Burgundspazieren, so faßt sie eine Dame unter, und die anderen gehen daneben, keiner sieht