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Letzter Stil in Versailles
12. KAP.
Der König war ernster geworden, und mit ihm wandte sich auch die Kunst überallschwereren, einfacheren, größeren Linien zu. Die schönen Gruppen aber wurden wenig-stens gerettet; man stellte sie zunächst in ein anderes Boskett, dessen Brunnen eineStatue der Fama schmückte (Abb. 413), wo sie bis zum Jahre 1704 standen, dann über-führte man sie in ein neues Boskett, das an Stelle von Madame de Montespans wei-nendem Baum errichtet worden war. Für die heutige, widersinnige Aufstellung, in dreiNischen eines großen künstlich-natürlichen Felsens über einem unregelmäßigen Bassin,ist erst die Zeit englischen Geschmackes, die mit ihrer falsch verstandenen Romantikglücklicherweise in Versailles nicht vieles verdorben hat, verantwortlich. Der König ver-lor aber mit der Grotte auch eine Art von Konzertsaal im Freien, da er es liebte, gerademusikalische Aufführungen vor und in der Grotte zu veranstalten. Erst ein paar Jahredarauf wurde das reizende Säulenboskett (Abb. 414) errichtet, das hauptsächlich Mansarterbaut hat. 32 Marmorsäulen sind in länglichem Rund mit ebenso vielen Pilasterngekuppelt, durch Bogen und Balustraden verbunden, dazwischen sind Springbrunnenangebracht, und in der Mitte eine schöne Gruppe, den Raub der Sabinerinnen dar-stellend. In diesem Boskett, das schon ganz dem späteren, einfachen Geschmacke an-gehört, ließ der König nun häufig seine Konzerte aufführen. In die gleiche Zeit wie dieGrottenzerstörung fällt auch die Erbauung der neuen Orangerie (Plan 3) von Mansart unddamit die Erweiterung des Südparterres zu gleicher Breite mit dem Nordparterre und dieletzte Vergrößerung des großen Wasserbassins, der piece de l'eau des Suisses, das nuneinen glücklichen Abschluß der großen Querachse bildete, die vom Neptunsbassin, dasdamals um seines Schmuckes willen der Drachenbrunnen hieß, ausging. Die Mitte dieserauf- und niedersteigenden Querachse, die große Terrasse vor dem Schlosse, sollte umdas Jahr 1684 auch ihre letzte Gestalt erhalten. Das Auge hatte sich etwas müde ge-sehen an all der zierlichen Vielfältigkeit, zudem versperrte das Wasserparterre dendirekten Weg aus dem Schlosse, so daß man es immer umgehen mußte: so schuf man einegroße breite Mittelallee (Plan 1), auf der sich jeder prächtige Aufzug glücklich entfaltenkonnte, und legte zu beiden Seiten die großen Wasserspiegel an, die noch heute ihre Ge-stalt und auch den unvergleichlichen Schmuck von Bronzestatuen von Tuby, Keller,Coysevox, Le Hongre (Abb. 415) und anderen erhalten haben. Mitten in diesem Beckenwaren noch zwei mächtige Gruppen geplant: die Geburt der Venus und die derThetis, dieaber nur in Modellen kurze Zeit den heute etwas leeren Wasserspiegel geschmückt haben.Dem Charakter des Versailler Hofes, wie er sich in diesen Jahren in seinem immer feier-licher werdenden Zeremoniell entfaltete, waren diese ernsten Wasserbecken, mit ihremim Vergleich zu den vielen Marmorstatuen nur sparsamen Schmuck, gerade die richtigeEinleitung zum Garten. Wir müssen uns die pomphafte Staffage hinzudenken, wenn derKönig sich in seiner Sänfte, von den Würdenträgern in strenger Ordnung begleitet, zueiner Spazierfahrt durch den Park heruntertragen ließ, die er immer in kleinen, besonderskonstruierten Wagen unternahm, oder, was er so gerne tat, einem Gaste die Schön-heiten seines Parkes zeigte. Er hatte damals den ersten Führer durch Garten und Park,nach dem seine Beamten Gäste umherführen sollten, selbst verfaßt 22 . Genau wird darinangegeben, wie man oben an den Treppen des Latona-Parterres verweilen solle, um sichüber die Lage der Terrassen zu orientieren, dann zum Bassin der Latona herabsteigenmüsse; am Fuße der Latona empfiehlt er besonders einen Aussichtspunkt, der mit einemBlick die bemerkenswertesten Wasserkünste überschauen lasse, und den man heute noch