12. KAP.
Das Labyrinth
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Eine der reizendsten Ideen Le Nötres aber war der Schmuck des Labyrinths, das imJahre 1674 seine Vollendung sah (Plan 8). Lafontaine hatte durch seine Fabeln ÄesopsNamen wieder in aller Mund gebracht und durch die hübsche Prosaeinleitung seine Ge-stalt dem französischen Volke lebendig gemacht. Nun stellte Le Nötre an dem Eingangdes Labyrinthes den griechischen Fabeldichter einem Eros gegenüber. Dem Wanderer,den dieser Gott hineinlockt, willjener mit seinen Fabeln Leitersein. Denn überall an allen Kno-tenpunkten der ganz verzwicktangelegten Wege ist ein Brun-nen mit Tieren einer seiner Fa-beln geschmückt (Abb. 406). Inimmer neuen überraschendenErfindungen sind 39 verschie-dene Brunnen mit köstlichemHumor auf das zierlichste auf-gebaut. Es war damals schonvon Wichtigkeit, statt der alt-bekannten Labyrinthzeichnun-gen immer neue zu erfinden.Hier aber war wirklich einZaubergarten geschaffen; derFremde hatte fortwährend, wo-hin er sich auch wandte, die lieb-lichsten Bilder vor sich. DieTiere waren aus Blei gegossen,in natürlichen Farben bemalt,die Brunnen aus bunten Stei-nen, Muschelwerk, der Hinter-grund meist Lattenwerk oderglattgeschnittene, grüne Bu-chenhecken; man kann sichnichts Reizenderes denken, alsdiese von den ersten Künstlernentworfenen Tiergruppen.
Welchen Anteil aber nahmenKönig und Hof auch an jedemFortschritt! Eine ganze Reihe
von Bildern und Stichen zeigen uns Ludwig und sein Gefolge, wie sie eines der neuhergestellten Bosketts besichtigen (Abb. 407). Ja, es wurde zu einer Art Sport beiHofe, Entwürfe für neue Bosketts zu machen. Le Nötre ließ zwar solch einen Dilet-tantismus ungern zu, als aber die allmächtige Maitresse, Madame de Montespan,eine eigene Idee zur Ausführung bringen wollte, da mußte alles gleich an die Arbeit.Madame de Montespan wußte wohl nicht, ein wie altes Gartenmotiv sie mit ihrembronzenen Baum, der aus allen Blätterspitzen Wasser spritzte, in den französischen
Abb. 406Versailles,Labyrinth,Brunnenfigur
Stich vonVir. Kraus