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Le Vaus Erweiterungsbau und Nordbosketts
12. KAP.
daß der König seine eigentlichen Wohn- und Schlafräume bis zum Schluß in diesemalten Kern behalten hat. Der Bau Le Vaus ist auf dem zugeschütteten Graben undder Terrasse davor errichtet, so daß die Zeichnung der Parterres zur Seite gar nicht ver-rückt zu werden brauchte. Das Verschwinden dieses Grabens von Versailles ist jedochvon einer architektonischen Bedeutung, es war der letzte Abschied von dem Renais-sanceempfinden in Frankreich. Eine neue Zeit brauchte mehr Weite als sie ein solchesWasserband der Umgebung erlaubte. Es ist wohl seitdem in Frankreich kein Lustschloßvon Bedeutung noch wieder völlig von einem Kanal umgeben worden, wenn man auch,wie wir noch sehen werden, sich nicht gleich ganz davon trennen mochte. Von gleichgroßer Bedeutung wie für das Schloß sollte dieses Fest auch für den Garten werden.Le Nötre und die übrigen Künstler hatten gerade bei der Errichtung jener verschiedenenprächtigen und doch so vergänglichen grünen Salons eingesehen, wie viel glücklicheres sei, solche intime Festräume im Freien mit feststehender Dekoration zu schaffen,die immer und schnell zur Hand waren, denn jetzt, wo man damit rechnen mußte —auch Colbert tat es endlich — daß der Hof immer draußen wohnen würde, mußte manauch auf fortwährende neue Überraschungen und Feste sinnen. Dazu aber eigneten sichnatürlich am besten die Bosketts des „petit parc", wie man den Garten bis zum Be-ginne des großen Kanals nun nannte. Einige derselben waren ja schon begonnen. Jetztaber, im Wetteifer mit Le Vaus Bau, der mit dem äußersten Eifer betrieben wurde,setzte auch bei Le Nötre die größte Fruchtbarkeit ein. In den Jahren 1669—74 entstan-den alle Bosketts auf der Nordseite der großen Allee. Zuerst, nach der Fertigstellung des„etoile" (Plan 26), wurden die beiden Bosketts zur Seite der Kinderallee, die zum Nep-tunsbassin führt (22), angelegt, da sah man links im grünen,,massif" der Bäume, die meistdurch einTreillagegitter zurückgehalten wurden, eine Wasserlaube (berceau d'eau), unterderen Gewölbe man trocken fortgehen konnte, auf der anderen Seite einen Wasser-pavillon, der aus einer großen Reihe Wasserstrahlen mit Delphinen gebildet wurde.Später entstand hier das schöne Boskett der drei Fontänen (Abb. 404). Le Nötre unddas Heer von Künstlern, die in diesen fieberhaft fruchtbaren Jahren in Versailleseinander in die Hände arbeiteten, wußten wohl, daß sie den verwöhnten und, ach soleicht, gelangweilten Hof nur durch immer neue und größere Abwechslung befriedigenkonnten. Die größte Mühe und schwerste Aufgabe hatten die Wasserkünstler, dennsie waren es in erster Linie, die diese neuen und überraschenden Dinge für Le Nötreausführen mußten. Und welche Fülle von W T asser bedurfte man, um die unzähligenBrunnen zu speisen, die in diesen Jahren geschaffen und immer vermehrt werden sollten.Überall in den Kreuzungspunkten der Alleen, da wo 1668 noch die ephemeren Fest- undTheaterbauten aufgerichtet wurden, entstanden prachtvolle Springbrunnen; Flora,Ceres, Bacchus und Saturn krönen die Bassins, sie gehören zu den wenigen noch heutevorhandenen Brunnenstatuen. Unendlich mehr aber brauchte man in den Bosketts;zu den am meisten bewunderten und kunstreichsten gehört das in der nördlichen Gruppegelegene Wassertheater (Abb. 405). Es ist jedenfalls als feststehendes Gartentheater be-nutzt und überaus kunstvoll ausgedacht: von der halbkreisförmigen Bühne steigen dreisternförmige Alleen sanft an, in denen je eine Wassertreppe von mehreren Reihensteil aufsteigender Wasserstrahlen begleitet wird, zu beiden Seiten der Wassertreppesind schmale Wege, von bogigen Wasserstrahlen überspannt, die zwischen pyramiden-förmigen Taxusbäumen aufspringen; da, wo die Alleen zusammenstoßen, sind kleinere