12. KAP.
Der Surintendant Fouquet
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N der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts hatte Frankreich dieHegemonie in Europa, nach der es so lange gestrebt und schwergerungen, erlangt. Es steht unbestritten nicht nur als politischeMacht an der Spitze, nein, mehr noch und nachdrücklicher durchdie Bedeutsamkeit seiner Kultur, die, erstarkt an fremden Vor-bildern, ganz eigenartig auf heimischem Boden emporgeblüht war.Italien mußte damals, wie auf allen anderen Gebieten der Kunst,so auch in der Gartenkunst, das Szepter an seinen nordischen Rivalen abtreten, nach-dem es mehr als eineinhalb Jahrhundert seine Mission jenseits der Alpen erfüllt hatte.Frankreichs selbstgewachsener Kultur aber kam zudem hier die Gunst einer ungestörtenEntwicklung zu Hilfe. Überall im Norden hatte die Gartenkunst zu Beginn desXVII. Jahrhunderts einen großen Aufschwung gesehen, während aber in Deutschland derDreißigjährige Krieg nur wenige Blüten ungeknickt ließ, während die Herrschaft desPuritanertums in England, mit seinem Haß gegen Luxus und Schmuck des Lebens, dieTradition der Gartenkunst empfindlich unterbrach, war das organische Wachstum inFrankreich nicht mehr gestört worden, denn die Bürgerkriege der Fronde waren dochnur ein Messen der Macht, ein Geplänkel, das durch Versöhnung und Überredung aus-geglichen wurde, kein kulturfeindlicher Vernichtungskrieg. Das Königtum war nachdem Tode Heinrichs IV. eine Zeitlang aus seiner überragenden Position verdrängt, dielangen Regentschaften, die geistliche Ministerherrschaft hatten dem Adel den stolzenMut zu gleichem Machtanspruch nochmals wachsen lassen. Die Wogen dies politischenLebens drängen ihre Bewegung deutlich bis in die Gartenkunst hinein. Seit St. Germain-en-Laye, Heinrichs IV. stolz ragendem Bau, war kein bedeutsames Königshaus ge-schaffen, auch die alten, wie Fontainebleau, hatten wenig neue Züge ihrem Schloßund Garten zuzufügen, dagegen erwächst der Luxembourg, der Königin-Regentin Resi-denz, Richelieus Landhaus Ruel lockt die fremden Besucher an. Mit ihm möchte einAdelsschloß wie Liancourt wetteifern oder gar das eines ausländischen Abenteurerswie St. Cloud. Und wenn Fontainebleau und St. Germain mitgenannt werden, so istdas doch nur überkommenes Gut, und diese Schlösser und Gärten stehen höchstens„inter pares".
Um die Mitte des Jahrhunderts sollte sich nun an der Schwelle einer neuen Zeitnoch einmal ein Mann aus allen herausheben, der kraft seiner Persönlichkeit den Geistseiner Zeit in starker Hand zu halten schien, gleichsam symbolisch den Übermut, dietrotzige Selbstherrlichkeit jener Epoche darstellte: der Surintendant Fouquet, MazarinsFinanzminister. Fouquets Verblendung und die Falle für seinen Sturz war, daß er, derin aller Kunst und Wissenschaft den feinsten Nerv für das Kommende und Werdendehatte, in der Politik die werdende Monarchenknospe nicht sah und in blinder Sicherheitin sein Schicksal hineinrannte. Es war die edle Tragik seines Lebens, daß er, der diegroßen Aufgaben der Kultur in dem grand siecle Louis XIV. begriff und förderte,seinem Monarchen, der ihn mit unvermindertem Hasse verfolgte und verdarb, dochhierin das leuchtende Vorbild blieb, dieser sich schweigend zu seiner Schülerschaftbekennen mußte.
Fouquet stand auf der Höhe seines Menschentums und seiner Macht, als er Anfangder fünfziger Jahre mit dem Baumeister Le Vau den Kontrakt abschloß, ihm das SchloßVaux in seiner Grafschaft Melun zu erbauen 1 . Er war noch nicht 40 Jahre alt; an Ma-
9 Gothein, Gartenkunst II