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2 (1914) Von der Renaissance in Frankreich bis zur Gegenwart
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Hampton Court unter Kardinal Wolsey

10. KAP.

Der erste, der mit vollem Bewußtsein sich der neuen Kunst, die von jenseits der Alpennun auch über den Kanal drang, zuwandte, war der Kardinal Wolsey, Heinrichs VIII.allmächtiger und vielgeliebter Kardinalminister. Wolsey war auf der Höhe seines Ruh-mes, sein junger, festfroher und noch den lichten Seiten des Lebens zugekehrter Königvertraute ihm vollkommen, in frohem Tatendrang wollte er auch nach außen hin seinerMacht durch prächtige Bauten Ausdruck geben. Schon hatte er in York Place, demspäteren Whitehall, seiner Londoner bischöflichen Residenz, bedeutende Änderungenauch in den Gärten gemacht. Nun aber wollte er sich auch ein Landhaus erbauen.Die Umständlichkeit, mit der die Frage der Lage behandelt wird es heißt, daß er denRat der bedeutendsten Ärzte von London und sogar den der Gelehrten von Padua ein-geholt habe zeigt, wie wenig man damals um 1514 noch daran hatte denken mögen,sich ein Haus zu erbauen, das nicht im Schutze der Städte oder seiner eigenen festenLage sich erhob. W T olsey wählte endlich Hampton Court,den gesundesten Platz inner-halb 20 englischen Meilen von London" 2 , auf dem hohen Themseufer südlich der Haupt-stadt. Es verstand sich ganz von selbst, daß das Äußere dieses Lustschlosses noch mitTürmen und Zinnen gekrönt und mit Wassergräben umgeben wurde. Der englische Pri-vatbau hat sich darin ähnlich wie in Frankreich erst spät, und hier nur auf kurze Zeit,von seinen gotischen Traditionen entfernt. Aber selbst die mittelalterliche Wohnweiselegte man nur sehr langsam ab, noch um die Mitte des Jahrhunderts sitzt der Adel, be-sonders im Norden, in seinen festen Schlössern, hinter Mauern, Türmen, von Gräben undZugbrücken geschützt 3 . Doch wenn man auch traditionell noch an den Befestigungs-gräben des Mittelalters festhielt bis heute haben sich hier und dort seltene Beispiele er-halten so wurden diese Gräben hier wie in Frankreich bald nur ein lebendig wirkendesSchmuckmotiv der Umgebung des Hauses. Häufiger aber als dort schüttete man sie zu,als sie im Zeitbewußtsein aufgehört hatten, ein Schutz des Hauses zu sein, da man siein dem feuchten Klima als ungesund empfand. Wolsey ließ mit fieberhaftem Eifer anseinem Schlosse bauen, Hunderte von Arbeitern schafften täglich, so daß schon 1516das Haus so weit fertig war, daß der Kardinal seinen Herrn zum erstenmal darin be-wirten konnte. Für Jahre blieb nun Hampton Court ein Mittelpunkt heiterer Feste,besonders der Maskenscherze, die Heinrich vor allem bevorzugte. Mehr als einmal über-raschte der König seinen Günstling mit einer hinter Masken verborgenen Gesellschaft,unter der die Klugheit des Wirtes schnell den königlichen Gast erkennen mußte.Shakespeare verlegt in seinemHeinrich VIII." eine solche Szene in Wolseys Stadtpalastnach York Place; in Hampton Court aber war man noch freier und hatte den Vorzugschönerer Gärten voll Lachens, Musik und fröhlichen Getümmels. Wenn der Staats-mann aber einsam war, dann liebte er, seine Pläne und Gedanken über die Leitungdes Staates, der ihm anvertraut war, auf langen Spaziergängen in diesen Gärten zuklären und zu befestigen. So tritt er aus Cavendish' Versbiographie uns entgegen,meine Galerien sind schön, lang und breit, um darin zu wandeln, wenn es mir am bestengefällt ... in meinen anmutigen Gärten, die mit starken Mauern umgeben sind, indenen Bänke sind, um darauf zu sitzen und zu ruhen, mit Beeten so zierlich ausgelegt,daß man es nicht schildern kann, mit Lauben und Alleen, so angenehm und lieblich,die mit ihren Düften alle bösen Dünste zurückdrängen" 4 . Diese Gärten lagen südöstlichzwischen Haus und Themse (Abb. 343), während sich auf der andern Seite Obst- und Ge-müsegärtenerstreckten 6 . Nördlich hatte der Kardinal zu beiden Seiten der großen Land-

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