10. KAP.
Später Beginn der Renaissance
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IETET schon Frankreich heute nur noch geringe Spuren von Gär-ten aus der Zeit der Renaissance, so betreten wir in England einLand, das gerade um der Liebe willen, die das ganze Volk nunschon seit Jahrhunderten der Pflege des Gartens entgegenbringt,uns nur selten und vereinzelt die Möglichkeit gibt, an Ort undStelle noch ein Bild der früheren Entwicklung zu erhalten. Leb-haftes Interesse an der jeweiligen Zeitströmung, wie große Mittelder Besitzer, die häufig in ununterbrochener FamilienerbschaftHaus und Garten Jahrhunderte lang innehatten, haben diesem oft von Generation zuGeneration ein völlig verändertes Aussehen gegeben. Und das bewußte Zurückgreifenauf ein altes Stadium hat dann in neuerer Zeit meistens nur eine willkürliche Neu-schöpfung im älteren Stile hervorgebracht. Das ist fast durchweg der gegenwärtigeStand einer schwer übersehbaren Fülle schöner englischer Gärten, denen die Blüteheutiger Gartenpflege und die moderne Neigung zum alten Stil oft einen verführerischen,aber täuschenden Reiz altvererbter Kunst gibt. Was die Beurteilung, wenigstens fürden englischen Renaissancegarten, noch besonders erschwert, ist der Mangel bildlicherDarstellungen; das XVI. und XVII. Jahrhundert bietet für England nur ganz verein-zelte Bilder oder Stiche. Erst im letzten Viertel des XVII., im Anfang des XVIII. Jahr-hunderts führt die Flut der Kupferstecher, die damals mit einer geradezu verblüffen-den Kunstfertigkeit Abbilder der Natur und aller menschlichen Künste auf die Kupfer-platte zauberten, auch nach England vom Auslande her eine Reihe von Künstlern,denen sich einige wenige Engländer angeschlossen haben. Für die Renaissancezeitwerden wir nur in etwas entschädigt durch vielfache literarische Überlieferung, diemanche glückliche Schilderung aufbewahrt, die auch den Garten Englands lebendig indie große Entwicklung einreihen läßt.
Die Zeit, in der Italien schon eine hohe Blüte entfaltete, wo Frankreich in freudigemEifer des Lernens seine ersten Werke im Wetteifer mit seinem Vorbild schuf, sah Eng-land noch so erschöpft von den verheerenden Bürgerkriegen, daß die ersten erkenn-baren Spuren einer bedeutenderen Gartenkunst erst im zweiten Jahrzehnt des XVI. Jahr-hunderts sich zeigen. Heinrich VII. nahm die innere Kräftigung und Verwaltung desLandes so ganz in Anspruch, daß er nicht Zeit und Lust hatte, sein Augenmerk aufden Kontinent und sein Können zu richten. Und doch war auch für England nurvon dorther die neue Anregung zu erwarten. Es wird zwar von einer Reihe königlicherGärten berichtet, deren Erbschaft sein Sohn Heinrich VIII. 150g antrat. Im Towervon London, in Baynard Castle, Westminster, Woodstock und einer ganzen Reihe vonandern Schlössern 1 werden Gärten mit eignen Gärtnern unterhalten. Der größte Teildavon werden noch reine Nutzgärten gewesen sein, und die kleinen Ziergärten warendie mittelalterlichen Schloßgärten, die sich in dem Jahrhundert der Unruhe wenig ver-ändert haben können. Der Garten, den Jakob I. von Schottland in Windsor Castleschildert, wo er von 1413 bis 1424 gefangen gehalten wurde, kann uns unbedenklichauch noch 100 Jahre später als Vorbild gelten. In Minnesängerweise wählt der gefangeneFürst seine Ausdrücke: neben dem Turme liegt der schöne Garten, in allen Eckensind Lauben angebracht, aus Lattenwerk, von Wacholder beschattet. Weißdornheckenschützen die Wege vor allen Blicken Außenstehender, und von den Zweigen erfüllt derGesang der Nachtigall den ganzen Garten, so daß seine Mauern davon widerklingen 13 .
4 Gothein, Gartenkunst II